Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
10.2012




Zürich : Jungjin Lee


von: Johanna Encrantz

  
links: Jungjin Lee · Wind 07-106, 2007, Fotoemulsion auf handgeschöpftem Papier
rechts: Jungjin Lee · Wind 07-69, 2007, Fotoemulsion auf handgeschöpftem Papier


«Das hier, das bin / ich!» Die letzten Zeilen eines kurzen Zen-Gedichts des Koreaners Ko Un stehen für die Essenz der Bilder von Jungjin Lee. Die südkoreanische Fotografin (*1961) lernte Kalligrafie, bevor sie Fotografie studierte und Assistentin des Schweizer Fotografen Robert Frank wurde.
Mit Frank teilt Lee die Auffassung, dass ein Bild eigentlich ein Gedicht sein sollte, ein Gedicht, das man immer wieder lesen möchte. Frank interessiert sich für Menschen; die zwischen Seoul und New York pendelnde Lee erforscht Landschaften, wie die Arbeiten ‹American Desert› und ‹Desert›, 1990-1994, später ‹Wind›, 2004-2007, belegen. Eine
Auswahl dieser Werke befindet sich in den Sammlungen des Whitney Museum of American Art und dem L.A. County Museum of Art. In Lees Landschaften singen die Geister. Wir hören sie, es sind die Stimmen des Windes, in der Leere eines unendlichen Raums. Und was verbirgt sich hinter diesem leeren Raum? Dies fragt man sich angesichts der grossformatigen Bilder. Sind es Töne, Lieder, Gedichte, Fantasien? Ist es der Geist der Fotografin? Oder sind wir es selbst? Lee weiss: «Nichts ist geheimnisvoller als die Ankunft des Unendlichen.» Beim Anfertigen der schwarzweissen Bilder ist der Inhalt Nebensache, wirklich interessiert ist Lee an ihren Gedanken und Gefühlen, wenn sie fotografiert. Sie dokumentiert nicht Orte - New Mexiko, Texas, Kalifornien, Kanada und Korea -, sie führt uns Mächte vor, denen wir nicht oft begegnen, «ich liebe es, leere Räume zu fotografieren». Beinahe schauerlich ist die Stille und Verlassenheit, aber wir entscheiden - frei nach Carl Gustaf Jung - selber, ob es gute oder böse Mächte sind, die uns aus dem Unbewussten anspringen.
In den Arbeiten zu ‹Thing›, 2003-2006, werden die Erkundungen des Selbst an Dingen festgemacht. Es sind die in der Dunkelkammer auf handgeschöpftes Reispapier gedruckten Gegenstände, die uns anstarren und über uns Betrachter ihr Urteil fällen - obschon wir sie ja betrachten! Das Gewicht der Stuhllehne oder des Eisennagels ist in Lees Fotografie zu luftigem Papier geworden, das Vergängliche ewig. Um nochmals das vollständige Gedicht von Ko Un zu zitieren: «Wenn ich es genau betrachte, / dann fühle ich, dass ich immer wieder begraben worden bin. / Deshalb / bin ich viele Gräber. / Und doch gebe ich immer wieder an damit: ‹Das hier, das bin / ich!.»

Bis: 28.10.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 10  2012
Ausstellungen Jungjin Lee [28.09.12-28.10.12]
Institutionen Stephan Witschi [Zürich/Schweiz]
Autor/in Johanna Encrantz
Künstler/in Jungjin Lee
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1209191213238E2-36
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.