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Fokus
11.2012


 Seit den heissen Tagen dieses Jahres irrlichtert ein mächtiger Leuchtturm über das internationale Gewässer des Bodensees. Statt dass er Orientierung gibt, stiftet er Verwirrung. Er ist, mit Verlaub, ein Selbstporträt des jungen Schweizer Künstlers. Florian Graf, der an der ETH Architektur studierte, hat sich mit Haut und Haar der Freiheit künstlerischer Prozesse verschrieben. Seither fährt er durch die Welt, um zu erfahren, statt dass er sitzt, um zu besitzen.


Florian Graf - Der Oszillator im Weltgefüge


von: Ursula Badrutt Schoch

  
links: Folly of De-Fence, 2010, Installation fuer den Kunstverein Binningen. Ein Zaun, der einen privaten Garten abgrenzte, wurde so ver-rueckt, dass er als Folly ein empfangendes Tor bildete. Der Begriff "Folly" bezeichnet in der Landschaftsarchitektur eine nutzlose Konstruktion und bedeutet uebersetzt Torheit oder Verruecktheit
rechts: Be, Leave, Installationsansicht im Rahmen von ‹Well, Come›, Abbatiale de Bellelay, 2011. Foto: Gina Folly


"Ich Genie. Ich bin gescheit." Der handschriftliche Auftritt mit den beiden Behauptungen als Auftakt in , seiner ersten Publikation, irritiert. Die Arbeit von Florian Graf fasziniert in ihrer offensichtlichen Qualitaet, Referenzialitaet und Intelligenz, doch wo hoert die Auseinandersetzung des Kuenstlers mit Fragen zur Beziehung zwischen Mensch und Architektur auf, und wo beginnt die Grenzen in der Wahrnehmung setzende Selbstverliebtheit? Was ist das fuer ein Dandy, der sich staendig selbst in Szene setzt - mal als Haeusermakler wie im Projekt , 2009, in Cumbernauld bei Glasgow, mal als Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg in , 2007 - und gleichermassen gelangweilt, unterfordert, ueberlegen und humorvoll seine eigenen Werke bewohnt? Wer den zur Gestaltung der Pro Helvetia-Heftreihe gehoerenden Umschlag aufklappt - und das sind die wenigsten -, findet die Fortsetzung der beiden Textarbeiten, die Kehrseite des ersten Eindrucks: "Ich genie/re mich. Ich bin gescheit/ert." Man mag das als Spielerei abtun, als Oberflaechenhaltung und Vorspielen falschen Tiefgangs; oder nachfragen, sich neugierig machen lassen von der eigenen Abwehr, von der Antinomie der Gefuehle zwischen Anziehung und Abstossung. Denn gerade dem Umgang mit Sprache, ihrer Tendenz, Vermutungen in Tatsachen zu verwandeln, stellt Graf Widerstand entgegen, wenn er ihre linearen Behauptungen durch Vielschichtigkeit und Ueberwindung unserer Seh- und Lesegewohnheiten aufbricht. Graf ist der zum Irrturm gewordene Leuchtturm, der ohne festen Wohnsitz durch die Welt zieht, von Atelierstipendium zu Aussttellungseinladung, der dort lebt, wo er arbeitet, und arbeitet, wo er lebt. Das kann auch in einer Kirche sein. 2011 richtet er sich in der Klosterkirche der heute als Psychiatrische Klinik genutzten Abtei Bellelay im Berner Jura ein wie der heilige Hieronymus im Gehaeuse im Bild von Antonello da Messina; oder doch mehr wie ein Hausbesetzer aus der autonomen Szene? Er wohnt im Chorraum und nutzt das Kirchenschiff als Atelier. , eine geometrische Balkenstruktur, destabilisiert die Perspektive, ist zugleich Stuetze und Zerstoerung bestehender Strukturen. Die Installation als Ganzes erinnert an die Capriccios von Piranesi. Auf der Lade des Doppelbettes steht Sterben/Streben in leicht verschobener Spiegelschriftlichkeit. Und der Notausgang ist mit markiert. Die Bedeutungen von Bildern und Worten oszillieren zwischen ihren Polen, zwischen Glauben und Zweifeln, Leben und Sterben, Norm und Abnorm.

Parodistisches zum eigenen Leben
Gerne schleust er sich in neue Netzwerke ein, 2012 ins Filmfestival Locarno. Im Ausstellungsraum la rada praesentiert er die Filmtrilogie , und . Graf spielt darin Olf Graphenheim, der ernsthafte und aufstrebende Kuenstler - parodistische Kommentare zum eigenen Leben. Als Stipendiat im Turm des Zeppelin Museums in Friedrichshafen ist das Experimentieren mit dem Verhaeltnis zwischen Raum, Individuum und Gesellschaft in den Irrturm gemuendet. Seine Architektur ist Obelisk und Observatorium, aber auch Projektionsflaeche fuer Aengste und Sehnsuechte zwischen Einsamkeit und Unabhaengigkeit. Zudem rekurriert er auf die Mythen des Bodenseeraumes. Die Ungewissheit seiner Existenz laesst mit neuer Aufmerksamkeit auf die Wasserflaeche schauen. Die Mythenbildung hat hier schon andere zeitgenoessische Kuenstler befluegelt. Doch anders als bei der Geschichte von Mocmoc in Romanshorn geht es Graf nicht um das Fallenbauen bei Schwachstellen der Gesellschaft, sondern um die Destabilisierung der Routine, um das Wecken von Bildern zwischen Gewissheit und Orientierungslosigkeit; Bilder, die gut und gerne auch als Metaphern fuer das Weltgefuege stehen koennen, fuer Finanzkrise und Kriegsgeschehen. Die Klarheit der Architektur und die Verwirrung, die sie anrichtet, das Irrlichtern, das auch in der Ausstellungsinstallation im Grenzraum des Zeppelin Museums in Bild und Ton thematisiert wird, lassen Graf ueber den Wettbewerb im Floetenspiel zwischen Apollon und dem Satyr Marsyas sprechen; Apoll besiegt den Satyr und haeutet ihn; es ist ein Sieg der Zivilisation ueber das Wilde. Doch nicht um Siege geht es hier, sondern ums Oszillieren. Die Klarheit wird zum Trugbild. Staendig ueberschreitet er Grenzen, Landesgrenzen, aber auch Wahrnehmungsgrenzen. "Mich interessiert das Abstrakte", sagt Graf, "das vielseitig Denkbare. Es geht um die Frage von Praesenz und Absenz; in welchem Medium, ob Skulptur, Architektur, Performance, Malerei ist einerlei." Giorgio Morandi und de Chirico klingen an und die Frage nach den Zusammenhaengen von Moment und Monumental, von Endlichkeit und Ewigkeit. Dass Grafs Vater ein bekannter Musiker ist, und dass er selber sich erst durch ein ETH-Studium schleuste, sei hier auch erwaehnt. Das Dionysische und das Apollinische durchdringen sich. "In der Architektur sind viele meiner Interessen zusammengekommen. Sie ist der Spiegel gesellschaftlicher Strukturen. Nur in der Kunst aber gibt es die Freiheit, Grenzen zu ueberschreiten."

Im Irrturm hausen
Das Geld, das er als bester ETH-Absolvent seines Jahrgangs zugesteckt bekommt, investiert er in ein erstes Kunstprojekt. Gemeinsam mit Ivica Brnic und Wolfgang Rossbauer gewinnt er 2005 zudem den Wettbewerb zum 150-jaehrigen Bestehen der ETH. Anstelle eines temporaeren Luftschlosses in Zuerich bauen sie eine handfeste Universitaet in Afghanistan. Interdisziplinaer und weltgewandt lanciert er in Dar es Salaam gemeinsam mit Freunden der Zeitschrift Camenzind , eine Zeitschrift fuer Architektur, Urbanistik und Kultur in Ostafrika ( www.anzastart.com). Da ist einer am Werk, der sich jenseits aller Tendenzen und ueber kunstimmanente Diskurse hinaus auf den Alltag als situationistische Herausforderung einlaesst. Waehrend der Sommerwochen hat Graf selbst im Irrturm gehaust, sich sozusagen selbst bewohnt, Skulptur und Koerper in Einklang gebracht. Auch die Waltzing Walls an der Art Chicago 2010 waren ein bewohn- oder zumindest betretbares Gehaeuse, Ausstellungswaende, die sich wie von Geisterhand beziehungsweise wie computer- gesteuert samt den an ihnen aufgehaengten Kunstwerken durch die Messe bewegten. So abgeklaert die Projekte in Erscheinung treten, sie entstehen aus dem Ringen. Das wilde Wuchern, losgeloest von jeder Norm, begleitet den Kuenstler, der sich im Idiot von Dostojewski genauso wiedererkennt wie in Don Quijote. Zielorientiertheit behagt ihm nicht. Jetzt, wo das Irrturm-Projekt abgeschlossen ist, freut er sich auf die Drifting-Phase, das Gleiten im offenen Raum, maeandernd zwischen den Assoziationen - wie sein Leuchtturm auf See. Flaniere, Mensch, und spiele! Ne travaillez jamais!

Ursula Badrutt, Kunsthistorikerin, Leiterin Kulturfoerderung Amt fuer Kultur Kanton St. Gallen, lebt in Herisau. ursula.badrutt@sg.ch

Bis: 04.11.2012



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Florian Graf [28.09.12-04.11.12]
Video Video
Institutionen Zeppelin Museum [Friedrichshafen/Deutschland]
Autor/in Ursula Badrutt Schoch
Künstler/in Florian Graf
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