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Fokus
11.2012


 Im Kunsthaus Baselland prangt an der ersten Wand der aussagekräftige Titel ‹Schlagwörter und Sprachgewalten. Wie in der Sprache Macht und Identität verhandelt wird›. Sprache als Mittel der Macht und Sprechen als individuelle Manifestation bilden den Ausgangspunkt für eine thematische Gruppen­ausstellung mit dreizehn internationalen Künstlerpositionen.


Schlagwörter und Sprachgewalten - wie Kunst Sprache verhandelt


  
links: Dani Gal · Historical Records Archive, 2005, in progress, Vinylplatten, Dimensionen variabel, Ausstellungsansicht Kunsthaus Baselland, Courtesy Freymond-Guth Fine Arts. Foto: Viktor Kolibàl
rechts: Yto Barrada · The Telephone Books (or the Recipe Books), 2010, aus einer 8-teiligen Serie, C-Farbprint und Silbergelatine-Print, 120x150 cm, Courtesy Sfeir-Semler Gallery, Beirut/Hamburg


Mit Sprache verständigen wir uns. Sie dient der Aufrechterhaltung von sozialen Beziehungen und gesellschaftlichen Systemen. Die Sprache ist ein mächtiges Mittel, das dem Menschen zur Verfügung steht. Mit ihr lassen sich Gedanken vermitteln und Gefühle ausdrücken, Menschen manipulieren. Bringt Sprache Machtverhältnisse zum Ausdruck? Diese Frage wirft die Gastkuratorin Nadia Schneider Willen auf und macht sie zum Leitmotiv einer Ausstellung im Kunsthaus Baselland. Mitten in das Spannungsfeld von Sprache und Macht führt uns bereits die eingangs gezeigte Videoarbeit ‹El arte de la retórica manual› von José Restrepo. Zu sehen ist auf einem Monitor, wie ein Politiker im kolumbianischen Senat eine beredte stumme Rede hält. Es fallen keine Worte, dafür ist die entsprechende Gestik - wie das harte Aufschlagen von Händen auf das Rednerpult - laut hörbar. Unterstrichen wird sie mit Gebärden wie dem hochgehobenen Zeigefinger, der auf's Herz gepressten geballten Faust oder den verschränkten Armen.
Im Nebenraum stösst man auf das ebenso tonlose wie bildstarke ‹Historical Records Archive› des Künstlers Dani Gal. Die betitelten Porträts auf den unzähligen Vinyl-Covers alter Sprechschallplatten dokumentieren Weltgeschichte zwischen den Fünfziger- und Achtzigerjahren. Seit 2005 trägt Gal politische Reden von Staatsoberhäuptern, Interviews mit Menschrechtsaktivisten und auf Platten überspielte historische Radiosendungen zusammen. Aneinandergereiht ergeben die Covers ein wandfüllendes Bild, das bereits durch die Typografie vieles über den Inhalt und die Art des Auftritts verrät. Anders in Jorge Macchis Video ‹12 Short Songs›. Hier klaffen Bild- und Tonspur diametral auseinander. Ein in ein kleines Musikdöschen geschobener bunter Lochstreifen löst ein unbeschwertes Geklimper aus. Erst beim Durchrollen lässt sich das Lochmuster im perforierten Papierstreifen als grob gerasterte Buchstabenfolge und endlich als Teil der beängstigenden Wirtschaftsschlagzeile «Financial crisis affects food crises» entziffern.

Bemächtigung und Sprachverlust
Wie notiert man eine Telefonnummer ohne Zahlen und Buchstaben? Die Fotoserie ‹The Telephone Books (or the Recipe Books)› von Yto Barrada zeigt den kreativen Umgang einer Analphabetin mit ihrem kommunikativen Handicap. Die Frau erfindet fantasiereich ein privates Zeichen- und Zahlensystem mit Attributen wie einer Brille oder einem Heubündel zur Identifizierung der Adressaten und schafft so einen persönlichen Code für Telefonnummern. Und zeigt uns zugleich, wie sie sich erfolgreich dem gesellschaftlichen Ausschluss widersetzen konnte. Nicht von individueller Isolation, sondern vom kollektiven Aussterben von Ethnien und Identität handelt Susan Hillers zweiteilige Arbeit ‹The Last Silent Movie›. 24 Sprachenporträts aus weltweiten Archiven bilden die Ausgangslage für Radierungen und eine Videoarbeit. Die Leinwand bleibt schwarz, wir hören jedoch wie sich Menschen mit Worten, Schnalzlauten, Gesängen oder auch Pfeiftönen unterhalten - alles Sprachen, die bereits ausgestorben oder akut bedroht sind. Die Übersetzungen werden als Untertitel eingeblendet und verweisen auf die oft nur mündlich überlieferte Tradition. «Die Position thematisiert das anthropologische Forschen mächtiger Nationen, schliesst die Kritik daran aber gleichzeitig ein», kommentiert die Kuratorin Nadia Schneider Willen diese eindringliche Projektion.

Der Bote ist die Botschaft
Auch Popkultur ist eine machtvolle Sprache. Dies demonstriert eine neue Arbeit von Lena Maria Thüring im Untergeschoss. In ihrem Video sprechen Schauspieler in einer Castingsituation die Songtexte von Popsongs als politische Reden. So weist uns die Künstlerin darauf hin, dass Popsongs in den letzten Jahrzehnten von amerikanischen Präsidentschaftskandidaten in ihren Kampagnen eingesetzt wurden: «Der Protestsong ‹This Land is Your Land› von Woody Guthrie wurde beispielsweise von George Bush senior verwendet und zeigt eine grosse Diskrepanz zwischen politischem Programm und Songtext auf», stellt Thüring fest. Im Nebenraum bringt es Julika Rudelius in ihrer Doppelprojektion ‹Rites of Passage› auf den Punkt: «The Messenger is the Message.» Man sieht, wie routinierte Politiker diese Beschwörungsformel ihren Praktikanten in einem Gespräch über «Charismatic Leadership» eintrichtern - und die Jugendlichen sie endlos nachsprechen. Im gejagten Hin und Her der rhetorischen Schnellbleiche werden Machtverhältnisse zwischen Alt und Jung, Meister und Schüler, Redner und Publikum, Bote und Botschaft deutlich.
1974 wurde die Milliardärstochter Patty Hearst in Berkeley durch eine radikal-politische Organisation (SLA) gekidnappt. Die SLA machte von der Entführten und ihren Reden an Angehörige sukzessiv vier Audio-Aufnahmen. Diese Tapes dienten der Künstlerin Sharon Hayes als Skript für die Videoinstallation ‹Symbionese Liberaton Army (SLA)›. Auf vier Monitoren ist eindrücklich zu beobachten, wie Hayes die Mitteilungen der Entführten nachzusprechen versucht und wie sie sich nach und nach mit den Entführern und deren politischen Organisation identifiziert. Während des Vortrags wird Sharon Hayes wiederholt vom eigenmächtig dazwischenrufenden Publikum unterbrochen und korrigiert.

Verstehen und Missverstehen
Visuelle Zeichen sind ganz unterschiedlich interpretierbar: In der Installation ‹Ar & Or› liegt auf neun Tischen verteilt immer wieder dieselbe Fotografie mit der identischen Szene: Eine arabische Frau spielt in einem Park in Kairo ‹Blinde Kuh›. Daniela Keiser hat das Bild geschossen und befreundeten Autorinnen und Autoren vorgelegt, die sich nun eine je andere Geschichte dazu ausgedacht haben. Diese Texte - in Deutsch und übersetzt auf Arabisch - weben nun das Mädchen in unterschiedliche fiktive Biografien ein, die uns gleichzeitig die visuelle Lesbarkeit anderer Kulturen überdenken lässt. Denn jeder Text ist in sich stimmig - und doch bleibt die Lebens-realität des Mädchens ein Geheimnis.
In Fiona Banners ‹The Bastard Word› ist in 26 fesselnden Zeichnungen das Alphabet wiedergegeben. Diese Buchstaben bilden Material für menschliche Kommunikation, sind aber auch Metaphern für rohe Gewalt und Krieg. Einige Schritte weiter wird man mittels Notizblock und Schreibzeug eingeladen, zusammen mit ausländischen Mitarbeitern am Workshop eines Schweizer Grosskonzerns teilzunehmen. In der von Goran Galic und Gian-Reto Gredig für das Kunsthaus Baselland geschaffenen Videoarbeit ‹Coconuts and Peaches› beschäftigen sich die beiden mit der Schwierigkeit interkultureller Verständigung. Die Schweizer seien «so hart wie Kokosnüsse», erklärt die fremdländische Seminarleiterin den Teilnehmenden auf Englisch. Dennoch würden sie - wir atmen auf - mit der Zeit «so weich wie Pfirsiche» und man kann mit ihnen auch Freundschaft schliessen.

Die Stimme erheben
Im letzten Raum der Ausstellung kann das Publikum selbst aktiv werden. In der begehbaren Installation ‹Autobiografía - Inside Cuba› von Tania Bruguera erhält es die Möglichkeit, seine Stimme auf der Bühne zu erheben - das Mikrofon bleibt jedoch ausgeschaltet. Stattdessen dröhnt der Slogan «Libertad o muerte» aus grossen Lautsprechern in Unterbrüchen durch die Halle.
Die gelungene Zusammenführung künstlerischer Positionen ermöglicht ein Nachdenken über globale Formen des Sprachmissbrauchs und individuelle Verantwortungen im Umgang mit Sprache. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, ob Themen wie die Diglossie - also die parallele Verwendung zweier Sprachen wie Hochsprache und Dialekt - oder Mehrsprachigkeit, die unsere Alltagskultur mehr als uns meist bewusst ist prägen, auch von Kunstschaffenden bearbeitet werden. Entsprechende Werke fehlen in der Ausstellung. Dennoch wird deutlich, dass das Verständnis für sprachliche und kulturelle Andersartigkeit das Gehör dafür schärft, dass wir auch im Alltag auf Stimmen achten, die wir sonst leicht überhören, und dass wir so Machtverhältnisse hinterfragen und abbauen können.

Ursula Meier, Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin, lebt in Zürich, ursulamei@sunrise.ch

Bis: 11.11.2012


Mit Begleitprogramm.



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Schlagwörter und Sprachgewalten [15.09.12-11.11.12]
Institutionen Kunsthaus Baselland [Basel/Muttenz/Schweiz]
Künstler/in Dani Gal
Künstler/in Jorge Macchi
Künstler/in Yto Barrada
Künstler/in Susan Hiller
Künstler/in Lena Maria Thüring
Künstler/in Julika Rudelius
Künstler/in Daniela Keiser
Künstler/in Fiona Banner
Künstler/in Goran Galic
Künstler/in Gian-Reto Gredig
Künstler/in Tania Bruguera
Künstler/in José Restrepo
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