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Fokus
11.2012


 Christian Jankowskis ‹Living Sculptures› sind aus Bronze und machen sich im Museum ebenso gut wie in einem Park oder in einer belebten Fussgängerzone. Kein Wunder, denn sie sind durchtriebene Variationen über ein zentrales Anliegen der Skulptur: etwas Lebendiges zu fixieren.


Ansichten - Kunst trifft Wirklichkeit wird Kunst


von: Barbara Basting

  
Christian Jankowski · El Che, 2007, Ausstellungsansicht Museion, Bozen, Courtesy Lisson Gallery, London. Foto: Othmar Seehauser


Neulich stolperte ich in der Fussgängerzone vor dem Pariser Centre Pompidou fast über die Figur eines Strassenkehrers, der sich müde auf seinen Besen stützte. Der erste Gedanke war: Blöder Ort für eine Skulptur. Der zweite: Gute Idee, hier kunst­fixierte Touristen zum Innehalten zu bringen. Dann fiel mein Blick auf den Abfall vor dem Besen. Er bestand aus Kleingeld. Die Skulptur war eine dieser ‹Living Sculptures›, wie sie heute zum Fussgängerzonen-Inventar gehören. Die Demütigung des Bettelns verbergen sie hinter Draperien und Bronzespray. Die Passanten werden gefesselt mit dem uralten Künstlertrick der Mimesis.
Christian Jankowski fielen 2007 auf den Ramblas, der Flaniermeile von Barcelona, solche ‹Living Sculptures› gleich dutzendweise auf. Deswegen machte er für eine Ausstellung im Museo de arte contemporanea von Barcelona (MacBa) aus ihnen wieder das, was sie simulierten: echte Denkmäler aus Bronze. Mit ironischem Augenzwinkern belebte er ein Format, das seit bald fünf Jahrzehnten in der Kunst verpönt ist. Amüsiert erzählt er, wie er anschliessend seine Bronzen auf den Ramblas aufstellte und sich die davor platzierten Becher fürs Kleingeld rasch füllten. Offenbar schauten sich die Passanten die Living Sculptures genauso flüchtig an wie ich den Strassenkehrer in Paris.
Nun stehen die Bronzefiguren im Bozener Museion in Rein Wolfs Ausstellung ‹The New Public - von einer neuen Öffentlichkeit und einem neuen Publikum›. Sie bringen Fussgängerzone-Flair in die Schau. Sie erinnern aber auch an die heute oft unklaren Grenzen zwischen Kunst, Kitsch und Fake, Betteln und Verdienen, zu schweigen von anderen Gegensätzen, die unsere Gesellschaft untergründig strukturieren und für die wir gerade deshalb oft blind sind.
Jankowskis Werk erinnerte mich an ein weiteres Kunstwerk, das die Kunst der Bettler, die gerne auch vor Museen auftreten, ins Museum bringt: Alfredo Jaar hat für die Pariser Triennale 2012 eine alte osteuropäische Frau gefilmt, die vor dem Centre Pompidou in Paris mit monotonem Gefidel Almosen zu sammeln versucht. Übrigens sass diese alte Frau an dem Tag, an dem ich fast über den Strassenkehrer gestolpert wäre, auch vor dem Centre - als wolle sie beweisen, dass das Kunstwerk von Alfredo Jaar echt sei. Hingegen werden spätere Generationen Jaars wie Jankowskis Werk im Museum auch als Flaschenpost vom Zustand der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts interpretieren.

Barbara Basting ist Kunstkritikerin und Redaktorin bei SRF/DRS2. barbara.basting@bluewin.ch


Bis: 13.01.2013



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen New Public [15.09.12-13.01.13]
Institutionen Museion [Bolzano/Italien]
Autor/in Barbara Basting
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