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Besprechung
11.2012


Katharina Dunst :  Flüsternde Bäume - Pflanzengestalten und Zeichenwälder sind zu bedeutungsvollem Raunen gefügt, lassen Echos erklingen und den Gehalt der Botschaften kollabieren. Ineinander geflochten präsentieren sich im Kunstraum Riehen die Werke von Diana Dodson und Reto Leibundgut.


Basel/Riehen : Diana Dodson und Reto Leibundgut, ‹Whispering Trees›


  
Reto Leibundgut · Ohne Titel, 2012, Rauminstallation, Leder, Polster, Holz, Leuchten


Gleich in zwei Arten von Wäldern kann man sich nach Betreten des Kunstraums begeben. Geht man links, findet man sich in einem sockelbestandenen Feld wieder. Zwölf unterschiedlich hohe und unterschiedlich verkleidete Quader posieren regelmässig verteilt im Raum - als autonome Setzungen mit skulpturalem Eigenwert oder als Kommentar dessen, was darauf steht. Abstraktion, Figuration, romantischer Kitsch und reduzierte Materialästhetik - wir verwickeln uns in ein babylonisches Zitatengestrüpp verschiedener Epochen und Stilreminiszenzen. Beruhigend auf das Gewirr, das Diana Dodson hier inszeniert, wirkt die ästhetische Anordnung im Raum. Farbtöne sind geschmackvoll aufeinander abgestimmt, die Platzierung der Objekte erscheint wohl rhythmisiert.
Wesentlich unangenehmer wirkt dagegen der Wald von Reto Leibundgut. Obgleich oder vielleicht weil das Material der Baumskulpturen aus recycelten Polstergruppen besteht, kommt ein unheimliches Gefühl auf. Zerlegt und neu zusammengefügt, haftet den ledernen Ästen ein atmender Schatten an. Die Arme und Beine dem Deckenlicht entgegenstreckend, keimt neues Leben in den toten Häuten und die Sorgfalt des Nähers lässt ambivalente Assoziationen an Chirurgisches aufleben.
Im dritten Waldstück, im Obergeschoss, verfestigt sich der Eindruck, dass Innen- und Aussenwelten, Reales und Imaginäres eng verwoben sind. Eine blattlose Hecke durchadert den Raum und zeichnet eine ornamentale Linie, die auch eine illuminierte Schrift sein könnte. Eine Stellwand löst sie ab und hält uns ihre Materiallüge in Form einer gedruckten Marmorfolie vor die Augen. Die Natur ist domestiziert, die ursprüngliche Angst vor den Naturkräften ist abgewandert in das Schweigen der Wände.
Waren es einst die Wälder, die Unbehagen einflössten, fand Joseph Roth schon um 1921 am Stadtrand nicht die erwartete Natur: «Wo die Natur beginnen soll, ist nicht sie da, sondern die Lesebuch-Natur. Ich glaube, auch über die Natur ist zu viel schon gedruckt worden, als dass sie hätte bleiben können, was sie gewesen ist. An ihrer Stelle steht, breitet sich in der Umgebung der Städte die Begriff-Natur, der Naturbegriff aus.» ( J.R., Das Journalistische Werk T.1, Köln 1989, S. 565). In der Stadt selbst beschreibt Roth Leuchtreklamen, die Produkte ankündigen, als «wären sie ein Ultimatum oder ein memento mori». Dass die Lettern in Leibundguts Wald Ähnliches suggerieren, liegt auf der Hand.

Bis: 04.11.2012



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Diana Dodson, Reto Leibundgut [28.09.12-04.11.12]
Institutionen Kunst Raum Riehen [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Katharina Dunst
Künstler/in Reto Leibundgut
Künstler/in Diana Dodson
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