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Besprechung
11.2012


Gabriel Flückiger :  Johannes Kahrs wurde auch schon als heimlicher Star der deutschen Kunstszene bezeichnet. Seine Malerei versteht er als stete Konfrontation zwischen physischer und psychischer Realität. In seiner aktuellen Schau im Centre PasquArt wird diese emotionale Spannung jedoch nur verhalten spürbar.


Biel : Johannes Kahrs, ‹Im dunklen Zimmer der Malerei›


  
Johannes Kahrs · Girl 'n gun, 2002, Ölfarbe auf Leinwand, 75 x 49 cm © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe


Als amorphe Form wird er uns entgegengestreckt: vor gräulichem Hintergrund, ohne klare Kontur, ohne Oberflächenzeichnung - ein dominanter Stinkefinger. Dahinter blickt uns ein fratzenhaftes Gesicht missmutig entgegen. ‹Untitled (boy laughing)› zeigt aggressive Animosität. Das kleinformatige Gemälde ganz am Ende der Ausstellung übersieht man beinahe, doch schliesst sich damit eine Klammer, die zu Beginn mit ‹Girl'n gun› geöffnet wurde. Malerei ist bei Johannes Kahrs (*1963) ein Mädchen, das sich, blutüberschmiert und inbrünstig, eine Waffe an den Kopf hält. Das Mädchen stammt aus einem Filmstreifen, ebenso wie viele andere Vorlagen, die der in Berlin lebende Künstler aus Presse und Internet gesammelt hat und meist in unscharfe, düster-süffige malerische Wirklichkeiten übersetzt.
Es sind eigenartige Wirklichkeiten, die Kahrs erstellt, denn oft mutiert er die Vorlagen zu zusammenhangslosen Bild-Fragmenten. Insbesondere, wenn es um den Körper geht. So zeigt ‹Untitled (Dark Knees)› einen Unterleib, aber die zwei gebeugten Beine scheinen sich des eigenen Torsos entledigt zu haben, dissoziiert schweben sie in einer dunkeltonigen Malerei. Ähnlich wird das menschliche Haupt auf ‹Untitled (sleep)› zu reiner Oberfläche, die bloss dank zweier Wimpern als Kopf erkenntlich bleibt. Malerei ist bei Kahrs eine sensorische Auslotung psychischer Abgründe.
Umso überraschender sind zwei neuere Arbeiten: ‹Untitled (flowers)› zeigt Blumen, die zu einem unprätentiösen Stillleben vor weissem Hintergrund arrangiert sind, und ‹Untitled (private parts 2)› ist ein surreal anmutendes Interieur in schillernder, wässerig verschwimmender Farbgebung. Doch trotz der scheinbaren Unschuld der Motive und der Leuchtkraft der Farben bleiben die Gemälde diffus, beunruhigend. Über die klaren motivischen Zusammenhänge hinaus verweisen die Werke oft auf Momente, in denen Malerei sich selbst überlassen wird: ‹Untitled (Curtain Love)› ordnet Vorhangstücke zu einer abstrakten, rhythmisierten Reihung, ‹Untitled (Cigarettes and Sand)› lässt Farbflächen zum mosaikartigen Geflecht werden.
Die Ausstellung im Centre PasquArt erhellt den Blick auf Kahrs Spiel mit solch suggestiver Malerei und weist darüber hinaus auf Stellen in seinem Schaffen, wo Malerei sich selbst überlassen wird: ‹Untitled (Curtain Love)› ordnet Vorhangsstücke zu einer abstrakten, rhythmisierten Reihung oder auf ‹Untitled (Cigarettes and Sand)› werden dicke Farbflächen zum mosaikartigen Geflecht. Zusammen mit jenen Beispielen, welche den weiblichen Oberkörper in lasziver Weise vorführen, ‹Moongirl›, oder glitschig grüne sowie pochend rote Körperglieder zeigen, wird betont, was der Titel einer älteren Ausstellung pointiert ausdrückte. Kahrs’ Malerei kann beunruhigen und eine diffuse Furcht wecken, gleich dem Beginn eines Albtraums – gleich einem Eintritt in ein dunkles Zimmer.

Bis: 25.11.2012



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Johannes Kahrs [09.09.12-25.11.12]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Johannes Kahrs
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