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Fokus
11.2012




Amar Kanwar - Verdrängung im Subkontinent


von: Daniel Morgenthaler

  
links: A Love Story, 2010, auf 35 mm übertragenes HD-Video, 5'37'
rechts: The Lightning Testimonies, 2007, digitales Farb- und Schwarzweiss-Video auf acht Kanälen, 32'31'


Eine Liebesgeschichte findet normalerweise nicht auf dem Schrottplatz statt. Genauso wenig passen Massenvergewaltigungen und organisierte Tötungen zu unserem von Yoga-Chic und Orienttrends verklärten Bild des Subkontinents. Der in Neu-Delhi geborene Amar Kanwar hält sich nicht an diese seltsamen Grundregeln unserer seltsamen Welt. In ‹Love Story›, 2010, einer der kürzesten Videoarbeiten in der Ausstellung ‹Evidence› im Fotomuseum Winterthur, siedelt der Künstler eine Liebesgeschichte auf einer Müllhalde an. Während er in diversen anderen, teils mehrteiligen Projektionen ganz unterschiedliche Traumata der indischen und ihr verwandten Gesellschaften sehr unvermittelt aufbrechen lässt.
Wobei es sich bei ‹Love Story› nicht um eine herkömmliche Liebesgeschichte mit zwei Mitspieler/innen und einem Happy End handelt. Die Filmminiatur zeigt vielmehr einige Menschen, die im abendlichen Gegenlicht auf einer Abfalldeponie an den Rändern von Neu-Delhi nach noch Verwertbarem suchen. Das profane und sozialrelevante Thema der Abfalltrennung und das Melancholische des Trennungsschmerzes finden hier auf rätselhafte Art und Weise zusammen.

Kollektive Traumdeutung
Der kurze Film funktioniert - obwohl er nicht am Anfang des Rundgangs im Fotomuseum platziert ist - als Schlüssel zu den dort gezeigten Arbeiten Amar Kanwars. Auch in den übrigen Videowerken transportiert der Inder drastische Inhalte nicht mittels knallharter Dokumentation. Sondern mittels traumartiger Poesie, die bisweilen durch sprachliche Drastik in den Untertiteln konterkariert wird, wenn etwa «aufgeschlitzte Vaginas» und «entstellte Penisse» verhandelt werden. Statt offener oder zynischer Dokumentation setzt Kanwar auf poetische Videobeweise - wie im Schautitel ‹Evidence› angedeutet. Eine kollektive Verdrängung kann so ganz ähnlich hochkommen, wie sich individuell Verdrängtes in unseren ganz persönlichen - und oft geheimgehaltenen - Träumen äussert.
In der achtteiligen Videoarbeit ‹The Lightning Testimonies› behandelt Kanwar verschiedene Beispiele sexueller Gewalt an Frauen: Während der Teilung Indiens 1947 etwa wurden rund 75 000 Frauen, darunter Hindus, Sikhs und Musliminnen, verschleppt. Auf einer der acht Projektionsleinwände wird diese unglaubliche Tragödie nun anhand von drei Einzelschicksalen erzählt. Auf einem anderen Bildschirm behandelt Kanwar das Problem der sogenannten «Unberührbaren», der untersten Kaste in der indischen Gesellschaft, anhand eines Angriffs auf eine «unberührbare» Familie, der erst 2006 stattfand.

Wenn Bäume sprechen könnten
Die erschreckenden Inhalte werden teils idyllischen Naturaufnahmen, teils historischen Bildern oder Material, das Kanwar in einem Museum zum Unabhängigkeitskampf Bangladeshs aufgenommen hat, entgegengesetzt. Wobei für den Künstler explizit auch die Natur ein historisches Dokument sein kann: In der Beschreibung zu einem weiteren der acht Historien ist von einem Orangenbaum die Rede, der quasi als unorthodoxer Zeuge zum brutalen Einfall der indischen Armee ins Dorf Yangkeli fungiert. Die Reizüberflutung - wobei Reiz hier explizit sowohl positiv als auch negativ verstanden werden muss - im dunklen Raum von ‹The Lightning Testimonies› wird gegen Ende der Arbeit mehr und mehr kanalisiert. Schlussendlich mündet der Film in einer einzigen Projektionswand mit einem Monolog einer Schauspielerin aus einem Stück, das die Themen, die Kanwar aufgreift, theatralisch verarbeitet.
Auf einen solchen dramatischen Klimax wartet man in der ersten Installation der Ausstellung - ‹The Torn First Pages›, 2004-2008 - vergebens. Kanwar überlässt uns hier der ungefilterten und unkanalisierten Komplexität der Bilder, die sich in diesem Fall auf die burmesische Widerstandsbewegung beziehen. So sieht man etwa immer wieder General Than Shwe, immerhin der höchste Vertreter der burmesischen Diktatur, wie er etwas Grellfarbiges auf das Grab von Mahatma Ghandi wirft. Oder man beobachtet mit Schrecken, wie einfache buddhistische Mönche im September 2007 während der Safran-Revolution vor bewaffneten Soldaten fliehen müssen.

Gemäss den Wünschen des Volkes
Bisweilen erkennt man im historischen Videomaterial einige Mitglieder der Militärjunta, deren Gesichter auf Blätter projiziert sind, auf denen wiederum politische Parolen stehen: Es handelt sich dabei um die sogenannten «People's Desires», die Wünsche des Volkes also, natürlich vorformuliert von den Machthabern.
Zumindest ein burmesischer Buchhändler teilte diese Wünsche nicht: Ko Than Htay riss die ersten Seiten einiger Bücher und Magazine, auf denen die Regime-Slogans immer zu stehen hatten, heraus - und wurde für drei Jahre in ein brutales Foltergefängnis gesteckt. Bücher mit herausgerissenen Seiten erinnern nun an den leisen und gewaltlosen Widerstand des Bücherverkäufers, während die unorthodoxe Projektionsweise der Filme auf kleine Papierbögen die Wichtigkeit solch feiner, leichter Gesten zusätzlich betont.
Interessanterweise bringt diese Präsentationsart die sich teilweise nur sehr träge bewegenden Videobilder wieder in die Nähe der Fotografie zurück, der Spezialität des Fotomuseums. Doch lebt Amar Kanwars Kunst, im Gegensatz zur Fotografie, ganz klar von der - wenn auch langsamen - Bewegung der Bilder. Träume erlebt man schliesslich auch nicht in Einzelbildern. Und man deutet sie - frei nach Freud - nicht anhand einzelner, eingefrorener Eindrücke, sondern anhand erlebter Narration. Amar Kanwar formuliert in seiner Arbeit stellvertretend solche Traumerzählungen, anhand derer wir allerlei Verdrängungen in unserem Unterbewusstsein - Indien - wenn nicht therapieren, so doch zumindest analysieren können.

Daniel Morgenthaler, freischaffender Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmhaus Zürich, lebt in Zürich. dani_moergi@hotmail.com

Bis: 18.11.2012


Amar Kanwar (*1964, Neu-Delhi) lebt und arbeitet in Neu-Delhi

Einzelausstellungen
2008 Haus der Kunst, München; ‹Amar Kanwar: The Torn First Pages›, Stedelijk Museum, Amsterdam
2009 Film Huis Den Haag, Niederlande
2010 Marian Goodman Gallery, New York
2011 Babel Art Space, Trondheim

Gruppenausstellungen
2008 ‹Indian Highway›, Serpentine Gallery, London
2010 ‹Signs of Life›, Kunstmuseum Luzern
2011 ‹Paris, Delhi, Bombay›, Centre Pompidou, Paris; Sharjah Biennale, Sharjah
2012 Documenta 13, Kassel; ‹Being Singular Plural›, Guggenheim Museum, New York



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Amar Kanwar [08.09.12-18.11.12]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Amar Kanwar
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