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Artists in Residence
11.2012




Massimo Pianese - Post-humane Umkehrströme


  
Massimo Pianese vor seinen Kaffeesatzbarren in der Villa Sträuli, 2012. Foto: Cat Tuong Nguyen


Fünfeinhalb Monate währt Massimo Pianeses (*1979) Gastkünstleraufenthalt in der Villa Sträuli, einem von alten Bäumen umgebenen Bürgerhaus mit drei Atelierwohnungen für Kunstschaffende aller Sparten im Zentrum Winterthurs. Träger des seit 1999 bestehenden Programms ist die Stiftung Sulzberg. Der italienische Künstler Pianese liebt kühle Orte und geniesst die angenehm ruhige Atmosphäre in der Villa. Hier kann er sein 2010 begonnenes Langzeitprojekt ‹You Are Not A Salmon› fortsetzen, in dem er sich mit Umkehrströmen, «l'inversione dei flussi», und Posthumanität auseinandersetzt.
Der kein Wort Deutsch verstehende Pianese wundert sich, dass er bisher nur wenigen Italienisch sprechenden Schweizern begegnet sei und in den Zügen die Ansagen nur in Deutsch, Englisch und Französisch gesprochen würden. Und wenn er in der Stadt etwas auf Englisch fragt, antworte man ihm in Deutsch. All das stört ihn jedoch keineswegs. Dass Auto- und Fahrradfahrer in der Nähe von Kreuzungen automatisch halten, wenn ein Fussgänger in der Nähe ist, hat den Neapolitaner sichtlich beeindruckt.
Wenngleich das Team der Villa Sträuli seine Gastkünstler aktiv mit anderen Kulturschaffenden vernetzt, entwickelt Pianese sein Projekt eher für sich. Er ist mehr im Internet zu Hause, wo er zu komplexen Gleichgewichten, Zusammenhängen und Veränderungen in Wirtschaft, Technik, Natur und Gesellschaft recherchiert. Den Lachs, der zum Laichen gegen die Strömung den Fluss hinauf schwimmt, sieht er als Sinnbild für paradoxe, Energie verschwendende Verhaltensweisen des Menschen in Bereichen wie angewandte Chemie, Genetik, Physik und Technik. Im ersten Teil seines Projekts brachte er mittels galvanischer Zellen, die Zitronen-, Tomaten- oder Orangensaft enthielten, die Leuchtschrift ‹You Are Not A Salmon› zum Strahlen und führte damit die verschwenderischste Art der Stromerzeugung durch Naturressourcen vor.
Für sein Winterthurer Projekt bat er die Bevölkerung, ihren Kaffeesatz vorbeizubringen, was bisher nur eine Bar tut. In einem aufwendigen Verfahren verarbeitet er diesen Abfall zu käuflichen Kaffeesatzbarren, die entweder als Kunstwerk bewahrt oder als Nährboden für Pilzkulturen verwendet werden können. Das Projekt verbindet mit Blick auf die Goldanlagen in Schweizer Banken die Kaffeekultur Italiens mit derjenigen der Schweiz und verdeutlicht die Verflechtung von Geld-, Waren- und Abfallströmen.

Bis: 30.10.2012


‹Meet the Artist›, Gespräch mit Wirtschaftsjournalist, Villa Sträuli, 30.10.; Projektpräsentation ab 27.10.

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.

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Ausgabe 11  2012
Institutionen Villa Sträuli [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Massimo Pianese
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