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Besprechung
11.2012


Ines Goldbach :  International bekannt sind sie längst, die italienischen Künstler der sogenannten Arte Povera. Und doch lässt sich das Ausmass ihrer herausragenden Stellung in der Kunstentwicklung ab den Sechzigerjahren und ihre ungebrochene Aktualität immer noch entdecken - vielleicht aber nicht in einer Gruppenausstellung.


Basel : Arte Povera aus der Sammlung Goetz


  
Jannis Kounellis · Senza titolo - Libertà o Morte. VV Marat VV Robespierre, 1969, Stahl, Kerze, Kreide, 100 x 70 x 22 cm © ProLitteris. Foto: Wilfried Petzi


Das muss ein erstaunlicher Wind gewesen sein, der in den Sechzigerjahren mit geballter Kraft durch Institutionen, Ateliers und die Köpfe vieler Kreativer fegte. Vor dem Hintergrund radikaler gesellschaftlicher Umwälzungen sollte auch in der Kunst alles Starre und Bekannte aufgebrochen werden. Es galt, die Kunst mit dem Leben zu verbinden und das Publikum zum aktiven Teilnehmer werden zu lassen - in Italien wie andernorts. Eine der bekanntesten Aktionen damals dürfte die des Wahlrömers Jannis Kounellis gewesen sein, der zwölf Pferde in die Galerieräume einer ehemaligen römischen Grossgarage führte, sie festband und das Publikum mitten in die schnaubenden Tiere lotste. Anwesend waren bei vielen dieser Aktionen neben den Künstlern meist nur eine Handvoll Freunde, übrig blieben Fotos und Dokumente. Dennoch konnte diese Bewegung die Kunstentwicklung entscheidend mitprägen.
Diesem ‹grossen Aufbruch›, wie das Kunstmuseum Basel die Schau betitelt, lohnt es, nachzuspüren. Denn an Aktualität verloren haben weder die Künstler noch ihre Werke. Präsentiert wird die Sammlung, welche die ehemalige Münchner Galeristin Ingvild Goetz zusammengetragen hat: Alighiero Boetti, Jannis Kounellis, Mario Merz oder Michelangelo Pistoletto gehören dazu - Namen, die man gerne unter dem vom Kunstkritiker Germano Celant etablierten Begriff ‹Arte Povera› einordnet. Marisa Merz, die einzige Frau, fehlt. Als Gruppe empfanden sie sich nie. Verteilt in Städten wie Mailand, Turin oder Rom waren es darüber hinaus ihre persönlichen Handschriften, die sie kaum vergleichbar machten. Sie begriffen sich mehr als Teil einer internationalen denn einer nationalen Bewegung - und zuallererst als Einzelkünstler.
So zeigt die Präsentation die Schwierigkeit, die Kraft der Werke in einer klassischen musealen Gruppenausstellung anklingen zu lassen. Auch das Dialogische, mit dem die Künstler eine über das Objekt hinausgehende Situation schufen, fehlt. Das ist der Raumanordnung geschuldet, aber auch der starken Ausnutzung der Räume. Spürbar ist er dennoch, der Wunsch dieser Künstler, dem Gegenüber durch die Kunstwerke eine sinnlich-poetische Erfahrung der Welt zu bieten und ihm durch ein umfangreiches Wissen in Bereichen wie Naturwissenschaften, Philosophie oder Mythologie als starkes Individuum mehr Teilhabe an der Gesellschaft zu verschaffen. Aktueller kann Kunst heute kaum sein.

Bis: 03.02.2013


Im Begleitprogramm Podiumsgespräch mit C. Christov-Bakargiev, Bice Curiger u.a., am 9.1.



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Arte Povera. Der grosse Aufbruch [03.09.12-03.02.13]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Ines Goldbach
Künstler/in Alighiero Boetti
Künstler/in Jannis Kounellis
Künstler/in Mario Merz
Künstler/in Michelangelo Pistoletto
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