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Besprechung
11.2012


Yvonne Ziegler :  Dass Ausstellungsräume zu besetzende Territorien sind, macht die weiträumige Installation des belgischen Künstlers Koenraad Dedobbeleer in der St. Galler Lokremise deutlich, wo ein Grenzstein, zahlreiche Poufs, mehrere Raumteiler und andere Begrenzungen ein schräges künstlerisches Spielfeld markieren.


St. Gallen : Koenraad Dedobbeleer, ‹Formidable Savage Repressiveness›


  
Koenraad Dedobbeleer · Capital Accumulated to the Point Where It Becomes an Image, 2012, Blick in die Ausstellung


Wer bereits Einzelwerke von Koenraad Dedobbeleer (*1975, Halle) gesehen hat, weiss, dass er Absurdes liebt und Gebrauchsgegenstände so verfremdet, dass sie ein amüsantes Grinsen hervorlocken. Mit seinen Werken vollzieht der in Brüssel lebende Künstler Verschiebungen zwischen Kunst, Design, Architektur und Natur. Seine Arbeiten sind ebenso Kunst wie Nichtkunst - darin ähneln sie Readymades - und sie reflektieren museale Präsentationsformen.
Im Alltag sind wir von funktionierenden Gegenständen und Architekturelementen wie Stühlen, Tischen, Lampen, Bodenleisten oder Gerüststangen umgeben, während im Kunstfeld «Zweckfreiheit» herrscht. Diese künstlerische Freiheit nimmt Dedobbeleer wörtlich, indem er vertraute Dinge dysfunktional präsentiert: Im Eingang verstellt eine senkrechte, nierentischartige Platte das freie Ausschreiten in den Raum. Etwas weiter hinten geleitet ein weiss lackiertes Gestängesystem das Publikum in das grosse hintere Ausstellungssegment. Es ist mit funktionslosen kugelförmigen Ausstülpungen und pastellfarbenen Schaumstoffquadern «verziert».
Über den gesamten Raum verteilt befinden sich benutzbare Lederpuffs und auf Rollen stehende Schemel. Letztere hat der Künstler während seines Artist-in-Residence-Aufenthalts im Badhaus ausgehend von einem Melkstuhl entwickelt. Die Puffs korrespondieren mit knapp 15 cm hohen Basaltscheiben, die an Säulenbasen oder Sockel erinnern. Zusammen mit Buchsbäumen, gefundenen Steinkugeln und gefakten Marmorsockeln entwickeln sie ein System von Blickachsen. Ein durchbrochener Holzparavent trennt einen «Grillbereich» ab, während zwei riesige Hockergestelle - Hommage an die Badhaus-Küche - eine weitere Zone markieren. Brennt im «Grillbereich» ein Feuer in einer Betonröhre statt im Ofen daneben, so irritiert im Hockerbereich die Steigerung ins Monumentale und der blassrosa Anstrich.
An anderer Stelle brechen nutzlose Architekturelemente, merkwürdige Sockel sowie eine Litfasssäule, um deren Bauch 1000-mal dasselbe Motiv geklebt wurde, übliche Präsentationsformen und zeigen so das subtile Regime von Inszenierung und Funktionalität im Ausstellungskontext auf. Die visuelle Klarheit der Objekte wird durch die kryptischen Titel getrübt, welche auf die in Form gezwungene ‹Savage Repressiveness› hinweist.

Bis: 11.11.2012



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Koenraad Dedobbeleer [08.09.12-11.11.12]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum St. Gallen – Lokremise [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Koenraad Dedobbeleer
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