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Besprechung
11.2012


Claudia Jolles :  Die junge Mexikanerin Mariana Castillo Deball verfügt über besondere Kräfte. Sie erweckt einen Maja-Codex zum Leben, transformiert eine Fläche zur Höhle, zeigt mit mathematischen Modellen Unberechenbares auf und bringt kulturhistorische Bezüge zwischen Südamerika und Europa zum Schwingen.


Zürich : Mariana Castillo Deball, ‹Unconfortable Objects›


  
Mariana Castillo Deball · Unconfortable Objects, 2012, Metallstruktur, Pappmâché, Laser-Drucke und Aluminiumdraht, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger


Aus jeder Position präsentiert sich die luftige Konstruktion von Mariana Castillo Deball (*1975, Mexiko) anders: Zunächst als Metallstruktur, die sich quer durch den Raum bis zur Decke hinauf windet, dann als rote, gelbe und blaue Pappmâché-Girlande, die sich den quadratischen Rahmen entlang hangelt, und zuletzt als fragmentierte Bildspur, die in grob gerasterten Fotografien die Blätter überzieht.
Castillo Deball lässt vieles anklingen und hält zugleich alles in der Schwebe. Sie will ihre Werke als ‹Unconfortable Objects› verstanden wissen, die eher Durchbrüche in unsere vertrauten Räume schlagen, als diese wohnlich möblieren. So erkennen wir erst beim Umhergehen, dass uns die Installation wie ein Tor aufnimmt und in einer spiralförmigen Bewegung weiterleitet: Zu Vitrinen mit mathematischen Modellen, zu Objekten aus buntem Stuckmarmor und schliesslich zu einer wandfüllenden wolkig-blauen Malerei. Die präzisen und doch sichtlich von Hand gefertigen Modelle stammen von Felix Christian Klein, einem Mathematiker, der für komplexe Lehrsätze einfachste Bilder fand - so die Klein'sche Flasche, deren Aussen- und Innenwand ähnlich wie ein Möbiusband ineinander fliessen.
‹There are no spaces in words as people speak them› postuliert Castillo Deball im Titel ihrer einer brasilianischen Achathöhle nachempfundenen Wandmalerei. Umso mehr Raum schafft sie auf visueller Ebene: Wir ziehen Verbindungen von den rudimentären Stuckornamenten über die mathematischen Modelle zu den kristallinen Formen und wir beginnen im Stein Figürliches zu erkennen. Gekonnt spielt die Künstlerin mit Blick- und Zeitachsen, mit Mikro- und Makrostrukturen, mit Ähnlichkeiten und Differenzen. Weitere Assoziationen öffnen sich in ihrem zur dOCUMENTA (13) publizierten Notizheft ‹100 Notes - 100 Thoughts, Nr. 24›. Hier führt der Anthropologe Roy Wagner mit einem Kojoten ein human-animalisches, philosophisches Streitgespräch. Dabei wird eine vielgestaltige Maya-Gottheit erwähnt, in Form von «Falter und Schmetterling - Lebensformen, welche die Totalität der Transformationen innerhalb eines einzigen Lebenszyklus verköpern.»
Da setzt Castillo Deball an, wenn sie Rahmen zerlegt, Papiere wässert, Fotos fragmentiert und die so segmentierten Teile sich neu begegnen lässt. Und hier entwickeln die Objekte ihr subversives Potenzial - indem sie die Grenzen des Konstruktiven sprengen und das Irrationale im Rationalen irrlichtern lassen.

Bis: 18.11.2012



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Ausgabe 11  2012
Ausstellungen Mariana Castillo Deball, Jochem Hendricks [27.09.12-18.11.12]
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Mariana Castillo
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