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Artikel
Prix Meret Oppenheim 2012




Einleitung




Der Prix Meret Oppenheim wird dieses Jahr zum zwölften Mal an Persönlich­keiten der Kunst, Kunstvermittlung und Architektur verliehen. Anders ­als bisher, werden 2012 nur drei Preise vergeben, da im Zuge der Einführung des neuen Kulturförderungsgesetzes und der entsprechenden Umverteilung der Budgets des Bundesamtes für Kultur nun weniger Mittel für bildende Kunst zur Verfügung stehen. Seit der Preis verliehen wird, hat die eidgenössi­sche Kunstkommission stets Preisträger/-innen vorgeschlagen, deren Werk die Schweizer Kunst und Architektur prägte und an dessen langfristige Relevanz sie glaubte. Sie tat dies im Wissen, dass Präsenz und Bekanntheitsgrad eines Werks nicht nur eine Frage der Qualität ist, sondern auch der Kunstszene immanenten Gesetzen unterliegt. So war der Prix Meret Oppenheim nicht selten ein Versuch, allzu eingefahrene Sichtweisen zu revidieren, indem er Werke, Konzepte und Haltungen in den Fokus rückte, um sie erneut zur Diskussion zu stellen. Die Reduktion auf drei Preise zwang uns, unsere Kriterien zu überdenken und neu anzusetzen. So entschieden wir uns dieses Jahr für eine Preisträgerin und zwei Preisträger, die alle drei auf ihre Weise im Rampenlicht stehen und bei denen sich weniger die Frage stellte, ob sie preiswürdig seien, sondern vielmehr, wann der geeignete Moment sei, sie zu ehren.

Bice Curiger ist eine der vielseitigsten Persönlichkeiten der internationalen Kunstwelt. Ob als Gründerin und Chefredaktorin von Parkett oder als Kuratorin im Kunsthaus Zürich und der Biennale Venedig – bei allem, was sie tut, spürt man ihre Begeisterung für Kunst und erkennt ihren spielerischen, erfrischend unakademischen Ansatz, mit dem sie immer wieder ungewöhnliche Perspektiven eröffnet. Vom lustvoll unbekümmerten Experimentieren ist im Gespräch mit Peter Fischli und Hans Rudolf Reust, im Zusammenhang mit den Aktionen der Zürcher Subkultur der 1970er- und frühen 80er-Jahre, oft die Rede. Mag sein, dass sich Bice Curiger eine gute Portion davon hat bewahren können! Wenn heute die Schweizer Kunst­szene international wahrgenommen wird, hat dies jedenfalls viel mit ihrem ­Weitblick zu tun, mit dem zweisprachigen Parkett pionierhaft früh den Brückenschlag nach New York zu wagen. Als Kuratorin, deren Haupt­wirkungs­-
feld immer Zürich gewesen ist, ohne die Landesgrenzen je als geistige Schranken zu sehen, hat sie massgeblich dazu beigetragen, dass die Stadt zu einem lebendigen und bedeutenden Pflaster für zeitgenössische Kunst wurde.

Niele Toroni gehört zu einer Generation von Schweizer Künstlern, die ihre Heimat zugunsten des stimulierenderen kulturellen Umfelds einer Metropole verliessen. Er lebt seit 1959 in Paris, wo er 1967 seine radikale und seither konsequent beibehaltene Arbeitsweise entwickelte: Abdrücke eines Pinsels Nr. 50, in 30-Zentimeter-Abständen aufgetragen. Längst ist seine Arbeit, die er gerne als «travail/peinture» bezeichnet, in die Geschichtsbücher der Kunst des 20. Jahrhunderts eingegangen, so dass man dabei glatt seine Tessiner Wurzeln vergessen könnte. Umso wichtiger, dass ihn die Eid­genossenschaft für sein Werk ehrt, an dem er bis heute mit unvergleichlicher Konsequenz arbeitet. Hat sich die Kunstkommission in ihren Diskussionen um die Vergabekriterien des Preises mit dem Begriff «Lebenswerk» auch stets schwergetan: bei Toroni trifft dieses Konzept widerspruchslos zu. Sein Werk ist ein unteilbares Ganzes und besteht – wie er selbst sagt – aus all dem, was er bis zu dem Tag, an dem er aufhört, jemals gemacht haben wird: Pinselabdrücke als Konzentrat einer kontrollierten Geste, die es ihm ermöglicht, die Begrenzung der Leinwand zu überwinden und ohne Einschrän­kungen zu malen.

Mit Günther Vogt wird der Prix Meret Oppenheim um eine Disziplin erweitert, denn erstmals wird eine Persönlichkeit im Bereich der Landschafts­architektur honoriert. Dabei zeichnen ihn nicht nur seine heraus­ragenden Leistungen als Landschaftsarchitekt aus, sondern auch seine städtebaulichen Projekte und Untersuchungen sowie seine intensive und wechselseitig befruchtende Zusammenarbeit mit Architektur- und Kunstschaffenden. Mit seinem Team in den Büros in Zürich, London und Berlin schafft er visionäre Projekte in Dimensionen, wie sie hier gar nie realisiert werden könnten:
ein Massstabssprung aus der engen Situation der Schweiz – die, wie er im Gespräch mit Hans Ulrich Obrist festhält, keine Tradition feudaler Gärten oder Parks kennt – in Weltstädte wie London oder Berlin. Gehört die Auseinandersetzung mit der Natur in der Stadt zu seinem Alltag, so waren die Antworten, die er – zusammen mit Olafur Eliasson im Kunsthaus
Bregenz – auf die Frage gegeben hat, wie man mit Natur im Museum arbeiten könne, durchaus aussergewöhnlich, ja revolutionär.

Nadia Schneider Willen
Präsidentin der eidgenössischen Kunstkommission



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Ausgabe 13  2012
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