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Fokus
12.2012


 Das Œuvre von Markus Raetz umfasst rund 30'000 Zeichnungen. In einem fliessenden zeichnerischen Prozess nähert sich der Künstler Fragestellungen und Motiven, die er aus immer neuen Blickwinkeln umkreist. Die Retrospektive im Kupferstichkabinett des Kunstmuseums Basel bot Anlass für ein Gespräch über sporadische Rückzüge, Metamorphosen und den Zeitgeist.


Markus Raetz - Wenn einzelne Dinge aufeinandertreffen


von: Dominique von Burg

  
links: Markus Raetz in seinem Atelier in Bern, 2011© ProLitteris. Foto: Alexander Jaquemet
rechts: Kopf, 1984, Anamorphotische Installation im Merian Park, Brüglingen/Basel, anlässlich der Ausstellung ‹Skulptur im 20. Jahrhundert›, 1984, Laufener Kalkstein, 13 Elemente in verschiedener Grösse © ProLitteris. Foto: Pablo Stähli


von Burg: Markus, du kannst nun auf fast fünfzig Jahre künstlerischer Arbeit zurückblicken und hast dich im eventsüchtigen Kunstbetrieb sehr gut gehalten. Hat dies damit zu tun, dass du den Wandel als einzige Konstante im Leben ansiehst?

Raetz: Das stimmt auf jeden Fall, nicht nur für mich. Man muss auf der Hut sein, dass keine Langeweile aufkommt. Deswegen bin ich jeweils froh, wenn in dem unaufhörlich auf mich zukommenden Strom etwas Neues auftaucht, das mich etwas angeht und sich umsetzen lässt. Einerseits muss es mich interessieren, sei es eine technische Sache, eine politische Angelegenheit oder etwas, das mit Kunst zu tun hat. Andererseits muss es eine Art Antwort bereithalten auf meine sich momentan entfaltende Arbeit.

von Burg: Das Motiv des Möbiusbandes, das in der Ausstellung als blaue Pinselzeichnung neu präsentiert ist, hast du bereits 1962 thematisiert. Du greifst aus deinen Notizbüchern immer wieder Themen auf und variierst sie, etwa indem du die Motive zwischen der Zwei- und Dreidimensionalität oszillieren lässt oder dich einem Motiv aus verschiedenen Perspektiven näherst. Sind dies bewusste Rückgriffe oder lässt du dich dabei vom Zufall leiten?
Raetz: Das Möbiusband taucht in meinen Arbeiten ab und zu auf. Weitere wiederkehrende Motive sind Physiognomien, Körperhaltungen, Bewegungen oder eben der Dimensionswechsel. Nicht, dass ich mir das bewusst vorgenommen hätte. Vielmehr ist es ein ziemlich ungeordnetes Sammelsurium von Dingen, die ich mir notiert habe. Wenn ich mich aber darauf einlasse, merke ich, dass mich das weiterhin interessiert. Inzwischen erkenne ich Möglichkeiten einer Umsetzung, die ich damals nicht gesehen habe. Einerseits verfügt man über einen grösseren Fundus, andererseits über ein profunderes technisches Know-how.

In Ruhe arbeiten

von Burg: Du hast dich in den vergangenen Jahren immer wieder zurückgezogen und über längere Zeit Einladungen zu Ausstellungen ausgeschlagen, wieso?

Raetz: Zuweilen beteiligte ich mich drei, vier Jahre an keiner Ausstellung. Das war eine Reaktion auf das Gefühl, ich könne meine Arbeit bei zu vielen Ausstellungen nicht mehr weiterführen, nicht mehr in Ruhe entwickeln.

von Burg: Du arbeitest ja sehr regelmässig nach einem vorgegebenen Tagesablauf, das nächtelange Durcharbeiten liegt dir offenbar weniger?

Raetz: Früher habe ich das oft gemacht. Doch mit Kind wird einem der Tagesablauf zwangsläufig diktiert. Regelmässigkeiten haben sich ergeben, die ich inzwischen sehr schätze. Man arbeitet ruhiger; viel mehr, als wenn man meint, jeden Tag die Welt neu erfinden zu müssen. Aber es ist natürlich gut, dass ich während einer gewissen Zeit die Möglichkeit hatte, endlos über meinen Arbeiten zu brüten.

von Burg: Du warst schon im Bern der Sechzigerjahre in einem internationalen Kontext tätig. Mit welchen Künstlern fühlst du dich heute besonders verwandt?

Raetz: Als Künstler ist man in einem dauernden Gespräch mit vielen anderen Kollegen. Unvermittelt reagiert man auf die Arbeit eines anderen Künstlers, bis man wiederum etwas Neues entdeckt, das mich auch zu einer eigenen Antwort reizt.

von Burg: Aber welche Künstler sind dir in den letzten paar Jahren geistig besonders nahe gekommen?

Raetz: Es ist schwierig, da einzelne Namen zu nennen. Es gab Zeiten, da war mir René Magritte ein entscheidender Impuls. In meiner Jugendzeit war Hans Arp als Bildhauer eine grosse Entdeckung wie auch viele Vertreter der Klassischen Moderne; Picasso, Klee, Calder und später auch Surrealismus und Dada.

Moden und Zeitgeist
von Burg: Du hast nie Moden mitgemacht, wie beispielsweise die Farbwucht und gezielte Formlosigkeit der Neuen Wilden. War dies ein bewusster Entscheid?

Raetz: Interessant, dass du das ansprichst, denn beim Zusammenstellen der Ausstellung habe ich mich nämlich oft gefragt, wie viel Zeitgeist in diesen Sälen herrscht. Da wären natürlich verschiedene Arbeiten zu nennen. Zum Beispiel steckt für mich im Elvisbild viel Zeitgeist drin. Es war die Zeit der Pop- und Op-Art, die für mich sehr wichtig waren und bei mir immer noch nachwirken. Früher ist mir oft vorgeworfen worden, dass ich jeder Mode aufsitze, nur weil ich mich nicht auf ein bestimmtes Motiv, eine Technik oder einen Stil festgelegt habe. Wenn ich damals Arbeiten des gleichen Jahres ausgestellt habe, waren manche Leute der Ansicht, dass da eine Weihnachtsausstellung verschiedener Künstler stattfinde. Erst mit der Zeit hielt man es für möglich, dass alle Arbeiten vom gleichen Künstler stammen und dass trotz der Verschiedenheit der Mittel viele verwandte Bezüge vorhanden sind.
Ich stelle auch immer wieder fest, dass - wenn wir uns beispielsweise in Südfrankreich, in der Natur, aufhalten - ich mit anderem Material arbeite, als wenn ich in der Stadt bin, wo ich im Do-it-yourself Aluminiumstäbchen kaufe. Ähnlich haben sich stets auch die Moden, respektive der Zeitgeist ausgewirkt, sogar die jungen Wilden in Berlin damals. Nicht gerade, dass ich riesige Leinwände zu bemalen begann, aber ich registrierte, dass sich diese Eindrücke im Zeichnen niedergeschlagen hatten.

von Burg: Mich interessiert der Wahrnehmungsprozess, der den Metamorphosen zugrunde liegt. Ist etwa eine Eisenskulptur wie ‹Crossing (Yes-No)›, 2002, aus einem visuellen Konzept entwickelt worden?

Raetz: Hier geht es darum, dass man in einer Plastik zwei verschiedene Motive einpacken kann, die je nach Blickwinkel andere Erscheinungsformen annehmen. Eigentlich schien es mir immer merkwürdig, dass in Kulturen, in denen Metamorphosen eine ganz wichtige Rolle spielten, wie etwa der ägyptischen mit den Tiermensch-Gottheiten, dass nicht dort die plastische Verwandlung erfunden wurde.
Um zu den Metamorphosen zu kommen, hatte ich zuerst die anamorphotischen Zeichnungen und Plastiken entwickelt und sie derart perspektivisch verzerrt, dass sie nur von einem bestimmten Blickwinkel lesbar sind, etwa den ‹Kopf›, 1984, im Basler ­Merian-Park. Seither hegte ich den Wunsch, ein Gebilde zu konstruieren, in dem zwei verschiedene Motive versteckt sind und das beim Umkreisen erkennen lässt, dass sich das eine ins andere verwandelt.
Ich brauchte sehr lange, bis ich das entdeckt hatte, und im Nachhinein merkte ich, dass es eigentlich eine ganz einfache Geschichte gewesen wäre. Man muss ja nur einen Stuhl von der Seite und von vorne betrachten, zweimal dasselbe, obwohl er jeweils völlig anders aussieht. Es ist ein Charakteristikum meiner Arbeitsweise, dass immer auch sehr viele Umwege dazugehören. Manchmal ergeben sich Kreuzungspunkte, wenn zwei scheinbar zusammenhanglose Sachen aufeinandertreffen und miteinander Sinn ergeben: Das sind dann wunderbare Momente.

Dominique von Burg, Kunst- und Architekturhistorikerin, lebt als freischaffende Autorin und Kuratorin in Zürich. dvonburg1@bluewin.ch


Bis: 17.02.2012


Markus Raetz (* 1941, Büren bei Bern) lebt in Bern

Besuch des Lehrerseminars in Hof­wil, dann zwei Jahre lang als Lehrer in Brügg bei Biel.
1963 erstes Atelier in Bern
1969-1973 längere Aufenthalte in Amsterdam und 1973-1976 in Carona sowie ausge­dehnte Reisen nach Italien, Ägypten und Tunesien
Seit 1967 regelmässige Reisen nach Ramatuelle in Südfrankreich
1977 Umzug mit Monika Raetz und der Tochter Aimée nach Bern
1981/82 ein Jahr mit einem DAAD-Stipendium in Berlin

Ausstellungen (Auswahl)
1968 und 1972 documenta in Kassel; 1972 erste institutionelle Einzelausstellung im Kunstmuseum Basel; 1988 Schweizer Pavillon, Biennale in Venedig
Seither zahlreiche Ausstellungen in wichtigen europäischen und amerikanischen Institutionen



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Markus Raetz [20.10.12-17.02.13]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Hauptbau/Neubau [Basel/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Markus Raetz
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