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Fokus
12.2012


 Er wird 2013 den Libanon in Venedig vertreten, das Kunstmarkt-Rating im Art Report setzt ihn auf den ersten Platz der aufstei-genden Künstler unter fünfzig, er war dieses Jahr mit Ausstellungen in Tokyo, San Francisco, Chicago, Grenoble, Kassel und auf der Liverpool Biennale vertreten. Was macht Akram Zaatari zu einem internationalen Kunst-Star?


Akram Zaatari - Hässliche Narben im Bildgesicht


von: J. Emil Sennewald

  
links: Saida June 6, 1982, Video, 2002, und Nature Morte, 2008, aus ‹This Day At Ten›, Installationsansicht, Magasin, Grenoble, Courtesy Galerie Sfeir Semler. Foto: Blaise Adilon
rechts: Objects of Study/Studio Shehrazade/Hashem el Madani/Studio Practices, 2006, Druck eines zerkratzten Negativs von Mrs. Baqari's, Saida, Libanon, 1957, Fotografie s/w, 29 x 19 cm, Courtesy Kadist Art Foundation


Namenlose Menschenbilder, Fundstücke aus Familienalben, anonymes Treibholz auf dem Meer der Bilder - viele Künstler halten sich derzeit an diesem Material fest. Es lädt zur Reise in eine Vergangenheit ein, die der Fotoapparat begrenzt. Dort ist nur wirklich, was dessen Linse einst sah. «Bilder sind Teil einer parallelen Welt, die sich rund um die Uhr abspielt», sagt Akram Zaatari im Gespräch, «was wir als Bilder sehen, ist Teil des Lebens, dessen, was wir erleben. Mich interessiert der Moment, in dem Bilder von realen Ereignissen entstehen: was heben sie auf?».

Versehrte Bilder
Im Blickraum der Fotografie löst sich das Subjekt in den Bildraum. Für manche eine Befreiung. Wie für Baqaris Frau, als sie 1957 zu Hashem El Madani in Saida im Südlibanon kam. Sie wolle sich fotografieren lassen. Ihr Mann wisse nichts davon. Für El Madani nichts Neues: Viele Leute kamen in sein ‹Studio Shehrazade›, liessen sich in oft albernen Posen ablichten. Basqaris Frau tat das nicht. Sie tritt als Dame von Welt auf, mit durchscheinender weisser Bluse. Oder orientalisch, mit Tonkrug auf der Schulter. Die Hoffnung, die man aus ihrem Lächeln liest, überdecken traurige Augen. Ein Blick, «saugend an eine unheilvolle Ferne geheftet», wie ihn Walter Benjamin bei der ebenso namenlosen Ehefrau des Fotografen Dauthendey wahrnahm, die ihren Selbstmord vorauszusehen scheint.1 Als sich Basqaris Frau selbst verbrannt hatte, verzweifelt ob ihrer unterdrückten Situation, da kam der Mann ein zweites Mal zu El Madani. Jetzt wollte er Abzüge von den Negativen, die er zuvor, rasend vor Eifersucht, hatte zerkratzen lassen: Hässliche schwarze Wunden im Bildgesicht der Frau.
Akram Zaatari findet solche Fotos. Von der Wirklichkeit versehrte Bilder, wie die 1948 aufgenommenen Muskelmänner, die, von einem beschädigten Negativ abgezogen, wie hinter einem Aschenregen ihre Handstände machen. Er erzählt ihre Geschichte, stellt sie aus. So heilen die Wunden ein bisschen. Was bleibt, sind Narben im Fotografiegesicht. Der Künstler und Kurator versucht, daraus die Geschichte von Menschen abzulesen, nicht von Bildern. «Jedes Bild kann wahr sein», sagt er, «das ist keine Frage der Auflösung oder anderer äusserer Eigenschaften. Ich glaube, Erinnern und Vergessen sind gleichwertig: Immer wenn ich etwas verliere, gewinne ich auch etwas.»

Zehn Jahre Arbeit
1966 in Saida in den Schoss einer bürgerlichen Familie geboren, habe er eher eine behütete Kindheit gehabt, erzählt Zaatari. Der Jugendliche beobachtet aus einem umhegten Ort die zusammenbrechende Welt, «als Israel einmarschierte, habe ich Fotos und Notizen gemacht - auch eine Art, den Geschehnissen eine Realität zu geben. 1982 war ich einer von vielen. Heute bin ich ein anderer, habe Abstand, bin eher - im Sinne der erzählenden Bilder - im Schreiben einer Geschichte, einer Erzählung.»
Mit Bildern schreiben - wie das aussieht, zeigt sein Video, ‹Al Yaoum/This Day›, 2000-2003. In den 86 Minuten des Films liest Zaatari Notizen, zeigt Persönliches, sucht Orte der Familie auf, man hört Propaganda im Radio, sieht Kampfbomber, Explosionen. Bisweilen etwas bemüht verschiebt er das Dokumentarische ins Künstlerische, unterbricht und verzerrt das digitalisierte Bild. «Als Künstler habe ich eine Sensibilität für Bild-Komposition und deren suggestive Wirkung, kann dazu Distanz schaffen», erklärt er, «der Film funktioniert wie ein Buch». Immer wieder legt sich Schrift in den Vordergrund, thematisiert das Zeigen in Bildern.
Der Film steht im Zentrum seiner Einzelausstellung in Grenoble. Um ihn hat er zehn Jahre Arbeit am Bild gruppiert. «Es geht mir um das, was passiert, auch was verloren geht, wenn Bildinhalte übersetzt werden», erklärt er, «es gibt etwas Unantastbares in den Bildern - ich versuche, mich von dieser Bürde zu befreien.» Das geht durch Veränderungen, durch Montage. Oder indem der gelernte Architekt den Fotos Rahmen baut. In Grenoble einen Kinosaal, in Kassel eine Time Capsule.
Das Video ‹Making of Time Capsule Kassel› zeigt, wie Zaatari Fotos in Betonblöcke hat eingiessen und während der documenta in der Erde versenken lassen. Genauso rettete das libanesische Nationalmuseum seine Kunstwerke vor dem Krieg. In einem vorgeschalteten Text richtet sich der Künstler gegen die «Archiv-Mania» des Kunstmarkts. «Es gibt nicht nur die Gewalt des Krieges, es gibt auch die Gewalt der Spekulation mit Bildern und Archiven. In Kassel ging es mir um die Archäologie der Bilder; und darum, deren Bedingungen zu erhalten.»

Archive als Grundstoff
Die Arab Image Foundation, von Akram Zaatari 1997 zusammen mit Fouad Elkoury und Zeina Arida gegründet, umfasst heute mehr als 400'000 Fotografien aus dem Libanon, Syrien, Palästina, Jordanien, Ägypten, Marokko, dem Irak und Iran, sogar aus Mexiko, Argentinien und dem Senegal. Aus ihnen schöpft Zaatari viele seiner künstlerischen Projekte. «Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Arbeit am Archiv und künstlerischer Arbeit. Auch Archive sind ein Grundstoff, aus dem man etwas formen muss. Dabei sollte man keine Angst vor Verfälschung haben», sagt Zaatari und lächelt, «auch sie erzählt von der Realität der Bilder». Ob sich im Innern des Archivs eine «Narbe zwischen Vergangenem und Gegenwart» bildet, wie Okwui Enwezor hofft2 , bleibt davon abhängig, wozu es genutzt wird.
1 Benjamin, Walter: ‹Kleine Geschichte der Photographie› in: ders., Medienästhetische Schriften. Mit einem Nachwort von Detlev Schöttker, Frankfurt/Main: Suhrkamp 2002
2 Enwezor, Okwui: ‹Archive Fever: photography between history and the monument› in: ders./(Hg.), Archive fever: uses of the document in contemporary art, New York: International Center of Photography 2008

Bis: 12.05.2013


Akram Zaatari (*1966, Saida, Libanon) lebt in Beirut

1989 Abschluss als Architekt, American University of Beirut
1995 Master of Arts in Media Studies, The New School University, New York
seit 1999 als Kurator tätig, u.a. 2004 für Videobrasil, São Paulo, 2006 für die Kurzfilmtage Oberhausen

Einzelausstellungen
2012 Liverpool Biennale, Liverpool ; ‹The End›, Galerie Sfeir-Semler, Hamburg; ‹Tomorrow Everything Will Be Alright›, MIT List Visual Arts Center, Cambridge, Mass.; ‹The Uneasy Subject›, MUAC, Mexico
2011 ‹Composition for Two Wings›, Kunsternes Hus, Oslo; ‹The Uneasy Subject›, Museo del Arte Contemporáneo de Castilla y León; ‹This Day›, Moderna Galerija Ljubljana
2010 ‹The Politics of Collecting - The Collecting of Politics›, Van Abbe Museum Eindhoven

Gruppenausstellungen
2012 ‹When Attitudes Became Form Become Attitudes›, CCA Wattis Institute for Contemporary Art, San Francisco; ‹Six Lines of Flight: Geographies in Contemporary Art›, San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco; dOCUMENTA (13), Kassel; Arab Express: The Latest Art form the Arab World›, Mori Art Museum, Tokyo; ‹Subversion›, Cornerhouse Manchester
2011 ‹Mapping Subjectivitiy›, Museum of Modern Art, New York; ‹Beirut›, Kunsthalle Wien project space, Wien, Austria; ‹Seeing is believing›, KW Berlin; 12. Istanbul Biennale
2009 ‹Traum und Wirklichkeit›, Zentrum Paul Klee, Bern
2008 ‹Les Inquièts. Cinq artistes sous la pression de la guerre›, Centre Georges Pompidou, Paris



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Akram Zaatari [29.09.12-12.05.13]
Ausstellungen Akram Zaatari [13.10.12-06.01.13]
Ausstellungen Nanni Balestrini, Dora Garcia, Alberto Grifi u.a. [11.10.12-16.12.12]
Ausstellungen Privat [01.11.12-03.02.13]
Institutionen Museum of Contemporary Art [Chicago/USA]
Institutionen Magasin [Grenoble/Frankreich]
Institutionen Kadist Art Foundation [Paris/Frankreich]
Institutionen Schirn Kunsthalle [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Akram Zaatari
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