Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
12.2012


 Im Rahmen der Reihe ‹Bilderwahl› suchten die Mitglieder der Zürcher Kunstgesellschaft auch in diesem Jahr ein Werk aus der Sammlung des Kunsthauses aus. Ausgewählt wurde die Fotoserie ‹Weihnachten›, 1993, von Roman Signer. Auf Einladung der Gast­kuratorin Gabrielle Schaad reagierte der in Berlin und Zürich lebende Kaspar Müller darauf.


Kaspar Müller - Symbolik und strahlende Oberflächlichkeit


von: Christiane Rekade

  
Acta est fabula, 2012, Fotocollage, Laserprints auf gebleichtem Halbkarton, 70 x 50 cm, Courtesy Galerie Francesca Pia, Zürich


Rekade: Du wurdest vom Kunsthaus eingeladen, zu den Werken von Roman Signer für die diesjährige ‹Bilderwahl› eine Arbeit zu konzipieren. Was zeigst du?

Müller: Die Kunstgesellschaft hat von Roman Signer eine schwarzweisse Fotoserie gewählt. Es sind Abbildungen einer Aktion. Signer lässt eine Tanne in eines dieser Verkaufsnetze verpacken und wirft sie schliesslich von einer hohen Brücke hinunter. Daneben werden eine Installation sowie eine weitere Fotoarbeit gezeigt. In all diesen Arbeiten kommt die Tanne vor. Der Titel ‹Weihnachten› bezieht sich ganz explizit darauf. Die Fotos sprechen stark von den einzelnen Bewegungen und Entscheidungen dieser Aktionen. Es sind jedoch auch Arbeiten, die ich sofort auch mit dem Gesamtwerk von Roman Signer in Verbindung bringe. Mich hat vor allem die dokumentarische Abbildung einer Aktion interessiert und die Haltung des Fotografen dazu.
Ich habe mich entschieden, Fotocollagen zu zeigen, die zwiespältig sind, da es einerseits um die Dokumentation des Geschehens auf den Bildern geht, andererseits um eine fotografische Haltung. Diese ist näher bei der People Photography und den Paparazzi, vielleicht auch bei einer gewissen Art der Porträt-Fotografie.

Rekade: Was ist auf den Fotos zu sehen?

Müller: Vor allem junge Menschen, die ich im letzten Sommer ungefragt und meist unbemerkt aus nächster Nähe fotografiert habe. Es sind etwa dreihundert ausschnitthafte ­Bilder entstanden, von denen ich jetzt eine Auswahl getroffen habe.

Zürich 2012
Rekade: Wie hast du es geschafft, dass du nicht bemerkt wurdest?

Müller: Ich habe mich nicht besonders auffällig oder unauffällig verhalten. Manche haben sich vielleicht kurz gewundert, als sie mich bemerkten, aber es waren Hunderte von Leuten mit ihren Kameras unterwegs, das gab mir eine gewisse Anonymität. Die Möglichkeiten dieser Praxis sind zwiespältig. Beat Streulis Strassenfotos fand ich immer faszinierend, auch wenn meine Position viel physischer war, ich ging eigentlich immer nah ran. Ich habe nicht mal den Sucher benutzt, sondern nur den Display. Streulis Inszenierung aus Distanz ist eine ganz andere. Er ist ein präziser Scharfschütze mit einem por­trätistischen individualistischen Ansatz, ich bin eher der willkürliche Amokläufer, der in der Masse auf- und untertaucht. Natürlich gibt es dabei auch eine leichte ­Verletzung der Privatsphäre. Ich denke aber nicht, dass man es mit den fotografischen Intimitäten auf sozialen Netzwerken vergleichen kann. Es ist eher etwas sehr Gegenteiliges.

Rekade: Es geht dir also nicht um die Darstellung oder Enthüllung spezifischer Situationen. Wonach hast du dann gesucht?

Müller: Ich fand im Zusammenhang mit Signers Arbeit und mit dem Thema Weihnachten den direkten Blick auf Menschen, auf eine Bewegung, die scheinbar ausserhalb der Kunst stattfindet, interessant. Es geht bei den Fotos um Oberflächen und Texturen von Kleidern, Schmuck und Accessoires - respektive deren Symbolik -, die auch eigentlich viel weniger kommunizieren, als sie vorgeben. Die Bilder sind ebenso grossartig und erhaben, wie sie banal und ritualisiert wirken. Im Grunde fällt alles mit der Körperlichkeit in den Bildern zusammen und mit der endgültigen Oberflächlichkeit der Fotografie. Dennoch behaupten sich die Körper, trotz ihrer Austauschbarkeit oder Anonymität. Man kann viel hinein interpretieren, gerade weil die Bilder Menschen zeigen, und man läuft Gefahr, empathisch zu sein oder in eine Art Spiegelstadium zu verfallen. Das führt dann schnell über das hinaus, was wirklich zu sehen ist. Aber das ist auch gut so. In dieser Auseinandersetzung sehe ich einen Bezug zum Ritual von Weihnachten und dem Ritual der Kunst.

Rekade: Warum hast du gerade die Uferpromenade des Zürichsees als Aufnahmeort ausgewählt?

Müller: Weil ich eine gewisse Vorliebe und Faszination für den Stil in Zürich im Jahre 2012 habe. Es könnte aber genauso gut woanders sein, würde dann aber auch anders aussehen. Es ist quasi eine persönliche und formale Entscheidung.

Vorbei ist vorbei
Rekade: Wie präsentierst du die Fotos im Kunsthaus?

Müller: Ich drucke die Digitalfotos als Laserprints aus und klebe sie auf weissen Fotokarton. Es ist eine direkte und einfache Art der Präsentation, wie eine lückenhafte Fotostory oder eben eine Collage. Mir ist das Format sehr wichtig, das des Papiers und der Fotografie. Dabei geht es auch um Grenzen und Normen. Die Papiere sind flach auf die Wand geklebt, ohne Glas davor.

Rekade: Hat die Arbeit einen Titel?

Müller: Ja, sie heisst ‹Acta est fabula›.

Rekade: Mich erinnern die Bilder an den Stil der frühen Aufnahmen von Wolfgang Tillmans und ich sehe darin Augenblicke der Jugend, Momente der Schönheit, der Poesie und damit auch ihrer Vergänglichkeit. Der lateinische Titel - ‹das Geschehene ist eine Fabel›, im Sinne von «vorbei ist vorbei» - geht ja auch in diese Richtung. Geht es dir auch darum?

Müller: Natürlich. Das passt ja auch zu Weihnachten, so was zu feiern.

Ritual der Kunst
Rekade: Ansonsten scheint Weihnachten in der Arbeit keine Rolle mehr zu spielen...

Müller: Weihnachten kommt als direktes Symbol nicht vor. Die Symbolik von Weihnachten und die Symbole selbst ändern ja ständig. Für mich hat Weihnachten vor allem eine kalendarische und eine soziale Bedeutung. Es ist ein fixes Datum im Jahr, an dem ich zu meinen Eltern reise. Andere Verwandte, deren Konstellationen sich ständig ändern, kommen dazu. Es sind Tage, in denen ich auch Freunde treffe, in denen Partys stattfinden. Die Läden sind geschlossen und man ist ein wenig blockiert, besonders wer aus kulturellen Gründen nicht daran teilnimmt. Die Feiertage sind oft einfach freie Tage. Die Jahreszeiten haben mit Weihnachten eigentlich auch nichts zu tun, bei uns fällt es halt in den Winter. Es ist im Grunde jeder Tag Weihnachten.

Rekade: Ich erinnere mich, dass du vor einem Jahr ein Projekt realisiert hast, bei dem du die Weihnachtssymbolik explizit eingesetzt hast.

Müller: Das war an Weihnachten 2011 in Amden für ein Kunstprojekt, das Roman Kurzmeyer kuratiert. Ich wollte mit mundgeblasenen Glaskugeln, die ich zuvor als Skulptur gezeigt hatte, eine Installation realisieren und die Berghütte, also den Ort selbst, schmücken. Wir sind am Weihnachtstag da hochgewandert und dann gab es Champagner, Konfekt und Panettone für die Gäste, die Kinder haben geschlittelt. Es ging sehr um das Ritual der Kunst und von Weihnachten, auch das soziale Ritual. Das Wetter war grossartig und die Kugeln, ein typisches dekoratives Weihnachtssymbol wie die Tanne, haben in ihrer ganzen Oberflächlichkeit gestrahlt und wir haben uns damit selbst ein wenig gefeiert und den Anlass.

Christiane Rekade ist Kuratorin, lebt in Berlin und betreibt mit Simone Neuenschwander den unabhängigen Ausstellungsraum OSLO10 in Basel. chrekade@yahoo.de


Bis: 20.01.2013


Kaspar Müller (*1983, Schaffhausen) lebt in Zürich und Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2013 ‹Green Gallery›, Milwaukee
2012 ‹Stand-up›, Gasconade, Milano; ‹Bilderwahl! Zu Weihnachten›, mit Roman Signer, Kunsthaus Zürich
2011 ‹25.12.2011›, Amden; ‹I was in Trinidad and learned a lot›, Galerie Francesca Pia, Zürich; Circuit, Emil Michael Klein/Kaspar Müller, Lausanne
2010 ‹Manor-Kunstpreis Schaffhausen›, Museum zu Allerheiligen Schaffhausen
2009 ‹Marti & Müller›, with Fabian Marti, New Jerseyy, Basel; ‹Don't Support The Team›, Galerie Nicolas Krupp, Basel



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Bilderwahl! Zu Weihnachten [02.11.12-20.01.13]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Institutionen Atelier Amden [Amden/Schweiz]
Autor/in Christiane Rekade
Künstler/in Kaspar Müller
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1211230954440SF-3
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.