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Fokus
12.2012


 Die Zürcher Galerienszene hat mit dem wiedereröffneten Löwen­bräu ihre Mitte wiedergefunden. Jean-Claude Freymond-Guth ist mit seiner noch jungen Galerie hier eingezogen. Annemarie und Gianfranco Verna hingegen waren schon tätig, als es nicht einmal den Ansatz eines Galerienzentrums gab. Zwei Galeristen­generationen im Gespräch.


Galerien - «Es hiess immer, das seien nur tote Läden


von: Daniel Morgenthaler

  
links: My Body is a Cage: Heidi Bucher, Sophie Bueno-Boutellier, Sara Masüger, 2012 (oben); Loredana Sperini, 2012 (unten), Ausstellungsansichten, Freymond-Guth Fine Arts, Zürich
rechts: Schattenlicht, Von James Bishop bis Sol LeWitt - von Giorgio Morandi bis Bram van Velde, 2012, ­Ausstellungsansicht, Galerie Annemarie Verna, Zürich


Morgenthaler: Gianfranco und Annemarie Verna, Sie beide schauen bereits der zweiten Welle des Löwenbräu-Phänomens zu, ohne dass Sie den Standort Ihrer Galerie in dessen Nähe versetzt hätten. War es für Sie nie eine Option, näher ins Kunstherz ­Zürichs zu ziehen?

Gianfranco Verna: Als wir mit der Galerie angefangen haben, gab es in Zürich kein Galerien­zentrum - im Unterschied zu New York, München oder Paris. Wir machten die Wahl unseres Standorts davon abhängig, wo es Räume gab, die wir bezahlen konnten. Lange wollte die Stadt auch keine Galerien in ihren eigenen Räumlichkeiten. Es hiess immer, das seien bloss tote Läden.

Morgenthaler: Heute ist die Stadt sogar Teilhaberin am Löwenbräu-Komplex - da hat sich also einiges geändert.

Freymond-Guth: Ich war ja vorher im Kreis 4, doch ich habe mir auch schon überlegt, in die gleiche Gegend zu ziehen wie die Vernas. Wenn man etwas genauer hinschaut, entdeckt man nämlich auch in der Nähe Ihrer Galerie in Hottingen im Kreis 7 tolle Räume - die findet man keineswegs nur im Kreis 5 oder 4.

Die grössten Paläste
Morgenthaler: Dennoch hast du dich nun für einen Umzug ins Löwenbräu entschieden. Aus einer Garage in einen von der Stadt subven­tionierten Kunstkomplex.

Freymond-Guth: Die direkte städtische Beteiligung bedeutet aber auch, dass die Regulationen viel strenger sind als noch in der ersten Löwenbräu-Periode. Was etwa bei der Galerie Presenhuber damals noch möglich war, ist uns heute feuerpolizeilich untersagt. Wir arbeiten deshalb daran, Probleme mit den Räumen so zu lösen, dass beide Seiten zufrieden sind.

Morgenthaler: Wenn die Stadt sie also jetzt direkter unterstützt: Sind Galerien entsprechend keine toten Läden mehr?

Freymond-Guth: Genau das werfen ja einige Besucherinnen und Besucher dem neuen Löwenbräu vor: dass es nicht mehr so lebendig sei wie in der ersten Phase. Die Erwartungen des Publikums waren da natürlich riesig. Ich finde aber, dass man dem Komplex auch Zeit geben muss, bis er sich wieder mit Leben füllt.

Gianfranco Verna: Man muss auch sehen, dass die Konkurrenz heute viel grösser ist. In den letzten Jahren entstanden unglaublich repräsentative, von Galeristen initiierte Projekte, etwa von Gagosian und White Cube in London, die weit über den üblichen Rahmen hinausgehen. Eigentlich ist es seltsam: Alle sagen immer, sie würden nur an den Messen Leute treffen, bauen sich aber zu Hause die grössten Paläste.

Freymond-Guth: Die Künstlerinnen und Künstler haben heute auch andere Ansprüche. Sie sind professioneller geworden, auch berechnender. Sie wissen genau, wohin sie möchten. Bei einem Unterstützungssystem wie demjenigen der Schweiz kann es zum Beispiel gut sein, dass jemand CHF 50'000 an Stipendien pro Jahr zusammen­bringt und dann erwartet, dass die Galerie das verdoppelt. Und irgendwann, wenn er oder sie nicht mehr so gute Chancen auf Förderbeiträge hat, auch ersetzt, natürlich.

Grauenhafte Aussagen
Morgenthaler: Herr Verna, war das früher anders?

Gianfranco Verna: Als wir angefangen haben, war uns noch nicht klar, ob daraus jemals ein funktionierendes Geschäft werden könnte. Wir waren einfach überzeugt, dass man den neuen Tendenzen in der Kunst der Sechziger- und Siebzigerjahre - eine unglaublich interessante Zeit - Räume verschaffen muss. Wir waren mit den Künstlern immer sehr eng befreundet - wir sind etwa die Paten von Sol LeWitts Kindern -, sodass der Business-Aspekt meist im Hintergrund blieb. Wir haben aber auch mit vielen Italienern zusammengearbeitet; die waren leider oft sehr illoyal. Und das sage ich, der ich selbst Italiener bin.

Morgenthaler: Trotz all dieser Schwierigkeiten entstehen auch heute laufend neue Galerien. Wie lange muss man sich gedulden, bis eine Galerie Gewinn abwirft?

Gianfranco Verna: Das lässt sich nicht so pauschal sagen. Jede Galerie hat ihre eigene Biografie.

Freymond-Guth: Die Fünfjahres-Schwelle ist eine interessante Zäsur. Nach fünf Jahren sollte man über die Bücher gehen. Und dann entscheiden, ob man es riskieren kann, grösser zu werden, oder ob man eher als Kleinbetrieb weiterfährt. Ich habe aber auch schon Galeristen zugehört, die erst ein Jahr im Geschäft sind und schon erzählen, dass sie an Auktionen Werke ihrer Künstler kaufen, um die Preise zu halten. Das fand ich eine grauenhafte Aussage. Das hat schon etwas Brokerartiges.

Gianfranco Verna: Das ist dann purer Neoliberalismus.

Morgenthaler: Apropos Neoliberalismus: Auch die Messen haben sich stark verändert, seit die Verna Galerie existiert...

Gianfranco Verna: Das ist richtig: Wir sind zum Beispiel fast seit den Anfängen an der Art Basel mit dabei. Dort gab es 1993 eine wichtige Zäsur. Damals wurde in den Messehallen das Projekt einer gesamthaften Klimatisierung in Angriff genommen. Diese Anlage funktionierte im Juni 1993 noch nicht. Trotzdem waren sämtliche Fenster und Türen für die Klimatisierung vorbereitet, das heisst vollständig abgedichtet. Da das auch ein sehr heisser Sommer war, war es in den Hallen kaum auszuhalten, viele Aussteller wollten das Standgeld zurück. Man muss auch wissen, dass über viele Jahre in Basel Galerien dabei waren, die unglaublichen Kitsch ausstellten. Danach war ich dann Teil einer Arbeitsgruppe, die vorschlug, dass der Platz beschränkt werden sollte und ein Komitee eine strenge Auswahl treffen sollte. Von da an ging es mit der Messe allmählich bergauf.

Ausschluss und Einfluss
Morgenthaler: Wobei genau diese Beschränkungen immer wieder für Diskussionen sorgen. Du, Jean-Claude, leidest jetzt eigentlich unter den Verschärfungen, die Herr Verna angeregt hat.

Freymond-Guth: Ich finde es allerdings besser, wenn eine strenge Fachjury entscheidet, wer am besten gearbeitet hat, als dass zählt, wer in Venedig die lauteste Party organisiert hat. Und mit den Art Statements und Art Features gibt es verschiedene Formate, für die man sich bewerben kann - oder auch Stufen, die man nehmen muss, bis man in die Hauptmesse aufgenommen wird.

Gianfranco Verna: Man darf allerdings auch nicht meinen, dass man dann automatisch Zugang zu allen Sammlern hat , welche die Messe besuchen. Und auch Kurator/innen und Museumsleute gehen sehr gezielt zu den ihnen bekannten Adressen.

Morgenthaler: Ergaben sich dafür mehr Kooperationen mit Zürcher Institutionen?

Gianfranco Verna: Auch da muss ich sagen, dass wir mit unseren Künstlern - darunter Fred Sandback oder Donald Judd - anfangs auf ein grosses Desinteresse gestossen sind. In Zürich noch mehr als in Basel. Ein Kunsthausdirektor kam einmal eigens zu uns und erklärte uns, dass Werke der Künstler unserer Galerie für die Sammlung des Hauses ungeeignet sind, da das Haus einer malerischen und expressionistischen Tradition verpflichtet ist. Und man hätte ja ohnehin gesehen, dass das Alu von Donald Judd sich nicht mit Bildern verträgt.

Morgenthaler: Jean-Claude, wie gestaltet sich heute die Zusammenarbeit mit den Museen? Junge Künstler, wie du sie vertrittst, werden mittlerweile sehr früh für Sammlungen angekauft.

Freymond-Guth: Für mich sind vor allem Kunsthallen wichtige Partner, da diese das Jet-zige, das mich mit meiner Galerie interessiert - wobei das nicht automatisch gleichzusetzen ist mit junger Kunst - zeigen.
Gianfranco Verna: In den Sechzigerjahren war das Jetzige noch ganz anders. So haben sich die innovativen und radikalen Künstler etwa noch durch ihre Erfindungen voneinander unterschieden - Dan Flavin durch die Verwendung von Fluoreszenzröhren, Carl Andre mit seinen Bodenplatten, die auf Skulptur verweisen und trotzdem kein Volumen haben, und andere mehr. Dergleichen Erfindungen waren durch diese Künstler belegt und konnten nicht einfach weiterverwendet werden.

Ein Wollfaden, eine Skulptur
Morgenthaler: Wenn also alles erfunden ist, Jean-Claude, was bleibt dann für dich und deine Künstler übrig?

Freymond-Guth: Wir profitieren natürlich von dem, was die Avantgarde - und ihre ­Ga­leris­ten - geleistet hat. Man muss heute niemandem mehr erklären, dass ein Wollfaden - wie bei Fred Sandback - auch eine Skulptur sein kann. Künstlerinnen und Künstler können heute auf eine unglaubliche formale Palette zurückgreifen.

Morgenthaler: Das Jetzige, das Zeitgenössische ist ja auch am Markt viel beliebter geworden. Wie reagiert man, wenn man Künstler aufbaut, nur um sie dann von einer potenteren Galerie abgeworben zu sehen?

Gianfranco Verna: ...woran die Künstlerinnen und Künstler selbst oft nicht ganz unbeteiligt sind...

Freymond-Guth: Für mich war das mit ein Grund, ins Löwenbräu zu ziehen. Ich habe vier Jahre im Les Complices Künstlerinnen und Künstler bei der Produktion von Arbeiten unterstützt. Nicht selten wurden diese Werke dann andernorts verkauft. Wenn wir Glück hatten, bezahlte man uns wenigstens die Rahmen. Mit dem Umzug sagen wir auch: Unsere Kunst kann sich nicht nur mit derjenigen messen, die bei den anderen Löwenbräu-Galerien gezeigt wird. Sondern wir fordern damit auch den finanziellen Vorteil selbst ein, der aus dieser Qualität erwächst.

Daniel Morgenthaler, freischaffender Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmhaus Zürich, lebt in Zürich. dani_moergi@hotmail.com


Freymond-Guth Fine Arts, Zürich, gegründet 2006
fünf bis sieben Ausstellungen pro Jahr
bis 2008 im Perla Mode/Langstrasse, 2008-2012 an der Brauerstrasse, seit August 2012 im Löwenbräu-Areal

Verkäufe: ca. 50% an Messen (und in Verbindung mit Messen) u.a. Art Basel, FIAC Paris, Frieze Art Fair NY, Liste Basel, Independent NY; 50% in der Galerie (nicht nur aus den aktuellen Ausstellungen)

Profil: Nebst der Zusammenarbeit mit meist jüngeren lokalen und internationalen Künstler/innen auch Vertretung von Nachlässen: seit 2010 Sylvia Sleigh: 1. Monographie, Wanderausstellung im Kunstnernes Hus Oslo, Kunst Halle Sankt Gallen, Tate Liverpool, CAPC Bordeaux, CAC Sevilla; seit 2012 Nachlass Heidi Bucher


Galerie Annemarie Verna, Zürich, gegründet 1969
vier bis sechs Ausstellungen pro Jahr

Verkäufe: mehrheitlich über Messen (in erster Linie Art Basel) und eigene Ausstellungen (Internet bisher kein wirksames Medium)

Profil: Tätig als Programmgalerie, Ausstellungen basieren auf langjähriger Zusammenarbeit mit Künstler/innen. Dazu kommen manchmal Vertretungen von Nachlässen. Kein Fundus an klassischen Werken, sondern vorzugsweise Ausstellungen mit neuen Arbeiten sowie bisweilen thematische Präsentationen wie ‹Schattenlicht› mit mehrheitlich unverkäuflichen Leihgaben



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Loredana Sperini [27.10.12-22.12.12]
Ausstellungen Antonio Calderara [22.11.12-23.02.13]
Institutionen Freymond-Guth Fine Arts [Zürich/Schweiz]
Institutionen Annemarie Verna Galerie [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
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