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Fokus
12.2012


 Stolpern über ein fotografisches Bild, das wie eine rote Ampel wirkt. Innehalten, einen Moment die Aufmerksamkeit nach innen verlagern, altmodisches Betrachten eines Naturbildes zulassen. Einen Atemzug lang sich abwenden vom Notwendigen und hinwenden: zum Bild von Ester Vonplon.


Ansichten - Nichts ist drinnen, nichts ist draussen


von: Walter Keller

  
Ester Vonplon · Ruinaulta, aus: Cudesch da Visitas, 2012


Zurück von einer Jurierung für den Fotopreis des PhotoforumPasquArt 2012 in Biel, betrachte ich das Künstlerbuch ‹Cudesch da Visitas› der in der Surselva lebenden Fotografin Ester Vonplon (*1980, Zürich). Dabei fällt mir plötzlich auf, wie sehr Vonplon aus der Reihe der gegenwärtigen künstlerischen Fotografie fällt. Warum? Jüngere Fotokünstlerinnen und -künstler, so hat es sich auch bei der Jurierung gezeigt, schreiben zuerst, bevor sie sich dem Bild zuwenden. Das mag mit dem magischen Bannwort «Konzept» zu tun haben - ein Standard in heutigen Kunstschulen -, vielleicht sogar mit der Akademisierung der Künstlerausbildung insgesamt. Zuerst sollen Studierende erklären, wie sie eine Idee umzusetzen gedenken - möglicherweise geschmückt mit einem dekonstruktiven Zitat aus Philosophie/Soziologie -, bevor sie Bilder machen. Der Knackpunkt dabei ist, dass sich erstens viele der in Worte gefassten Konzepte eher unbeholfen ausnehmen und dass sich die verbal geäusserten, gutmenschlichen Absichten nicht unbedingt in spannenden Kunstfotografien äussern.
Betrachte ich das Werk von Ester Vonplon, so scheint es auf den ersten flüchtigen Blick, als würde sie ziellos durch die Landschaft streifen, ohne Sinn und Konzept. Ihre Bilder thematisieren nicht das intellektuell modische «Misstrauen gegen Bilder», sind nicht das Resultat von Abhandlungen zur «Theorie der Wahrnehmung», keine «Bilder über Bilder». Vonplons Fotografien sind einfach Bilder, auf die ihr aus-sergewöhnlicher Blick trifft, die ihr zuzufallen scheinen, sobald sie die Augenlider öffnet: Vielleicht, weil sie die Bilder in ihrem Inneren schon gefunden hat, bevor sie sich draussen umschaut. Mit dieser Haltung einer «präzisen Romantik» steht Vonplon an der Peripherie der aktuellen Kunstfotografie. Dort scheint eine Art Ikonoklasmus selbst den eigenen Bildern gegenüber zu herrschen, ein Misstrauen gegenüber dem fotografischen Bild an sich. Speziell, wenn dieses sich herausnimmt, Gefühle zu zeigen. Vonplon begeht mit einem Bild wie dem hier abgebildeten sozusagen ein Sakrileg gegen die Konzeptsucht der aktuellen Kunst.
Ich gestehe, ich bin von Vonplons Bildern berührt, genauso wie von Goethes Gedicht ‹Epirrhema›: «Müsset im Naturbetrachten/Immer eins wie alles achten./Nichts ist drinnen, nichts ist draussen;/Denn was innen, das ist aussen.» Man möge mir meine Sehnsucht nach echten, sogar schönen Bildern verzeihen.

Walter Keller ist Autor, Galerist und Kurator in Zürich, info@kellerkunst.com. Zurzeit läuft seine Ausstellung ‹Kapital. Kaufleute in Venedig und Amsterdam› im Landesmuseum Zürich, bis 17.2.


Ester Vonplon: Cudesch da Visitas, Künstlerbuch, 2012, erschienen bei B. Frank Books, Berlin



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Ausgabe 12  2012
Autor/in Walter Keller
Künstler/in Ester Vonplon
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