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Fokus
12.2012


 Gehört Kunst zum Hausrat oder zum steuerpflichtigen Vermögen? Mit dem Entscheid vom 9.Mai 2012 zu einem einer Privatperson gehörenden Gemälde von Giovanni Giacometti hat das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich seine bisherige diesbezügliche Praxis geändert. Ein Urteil mit Folgen.


Steuerrecht - Kunst in der Küche


von: Marco Duss

  
Marco Duss


Die Geschichte beginnt in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, als der Vater der Steuerpflichtigen ein Ölgemälde des damals noch unbekannten Malers Giovanni Giacometti erstand. Die Tochter erbte dieses einzelne Bild vor etwa dreissig Jahren und für die damals erhobene ­Erbschaftssteuer wurde es auf CHF 45'000 geschätzt und besteuert. Weil ihr das Bild gefiel, hängte sie es in ihrer Mietwohnung an die Küchenwand. Beim Ausfüllen der Steuererklärung nahm sie zur Kenntnis, dass - ­gemäss der Wegleitung zur Steuererklärung - Gemäldesammlungen als «übriges Vermögen» steuerbar seien, Hausrat hingegen steuerfrei ist. Die Erbin besass jedoch nur dieses eine Ölbild, das offensichtlich keine Sammlung sein konnte, und schloss daraus, dass es Teil ihrer (steuerfreien) Wohnungseinrichtung sein müsse. So hing das Bild dann jahrzehntelang als Teil des Hausrates an der Küchenwand.
Mehrere Giovanni-Giacometti-Retrospektiven später und im Zuge einer allgemein gewachsenen Nachfrage hatte das Bild erheblich an Wert zugelegt. Die Besitzerin erwog den Verkauf, liess das Gemälde 2007 schätzen und gab es in eine Auktion. Zur grossen Überraschung aller erzielte es dort den sagenhaften Verkaufserlös von CHF 2'000'000. Doch auch die nächste Überraschung liess nicht auf sich warten: Das kantonale Steueramt eröffnete ein Nachsteuer- und Bussenverfahren wegen Steuerhinterziehung. Denn, wie sich aus dem Verkaufserlös ergebe, habe das Bild nicht zur steuerfreien Wohnungseinrichtung gehört, sondern hätte als «übriger Vermögenswert» deklariert werden müssen - eine Auffassung, die auch das Verwaltungsgericht vertrat, an welches sich die Besitzerin anschliessend wandte. Dieses stellt zunächst in durchaus verständlicher Weise seine bisherige Rechtsprechung dar:
«2.1 Der Vermögenssteuer unterliegt nach §38 StG das gesamte Reinvermögen (Abs. 1). Hausrat und persönliche Gebrauchsgegenstände werden nicht besteuert (Abs. 4). Hausrat ist, was Wohnzwecken dient, sich im Haus befindet und zur üblichen Einrichtung einer Wohnung gehört, also Gebrauchsgegenstände des Alltags wie ­Möbel, Teppiche, Bilder, Kücheneinrichtung. Zum Hausrat zu rechnen sind auch die persönlichen Effekten des Steuerpflichtigen und seiner Hausangehörigen wie Kleider, Uhren, Schmuck. Gewisse Gegenstände - wie Bilder oder Schmuck - können sowohl steuerfreier Hausrat als auch steuerbare Kapitalanlage sein. Entscheidend ist, ob diese Vermögensgegenstände in erster Linie Wohnzwecken bzw. dem persönlichen Gebrauch dienen oder ob der Kapitalanlagecharakter vorherrscht. Dabei ist auf die Umstände des Einzelfalls abzustellen, insbesondere auf die Zweckbestimmung der Gegenstände, die konkrete Verwendungsart, die finanziellen Verhältnisse des Steuerpflichtigen oder die Ausstattung des Hauses (vgl. RB 1979 Nr. 39).»
Anschliessend wirft das Gericht diese Rechtsprechung unter Einführung des Begriffs ­«Alternativgut» (meinend Gegenstände, die sowohl Hausrat als auch Kapitalanlage sein können) mit einem Satz über Bord: «Überschreitet der Verkehrswert des Alternativguts indessen eine gewisse ­Höhe, gehört er ungeachtet der konkreten Nutzung und der finanziellen Verhältnisse des Steuerpflichtigen nicht mehr zur üblichen Einrichtung einer Wohnung und muss demnach als Vermögen versteuert werden.»
Was ein Alternativgut ist, lässt sich dem Urteil so wenig entnehmen wie die Grenze des «gewissen» Wertes. Aus der Urteilsbegründung wissen wir lediglich, dass CHF 150'000 ihn bereits sprengt. Die richterliche Feststellung, das Bild habe «nicht in erster Linie Wohnzwecken bzw. dem persönlichen Gebrauch» gedient, sondern sei vornehmlich eine Kapitalanlage gewesen, ist nicht nachvollziehbar. Die Steuerpflichtige hat nicht in Kunst investiert, sondern das Gemälde von ihrem Vater geerbt und damit ihre Küche geschmückt.
Wir nehmen zur Kenntnis: Steuerbar sind entgegen der Wegleitung zur Steuererklärung nicht nur Sammlungen, sondern auch Einzelobjekte der Wohnungseinrichtung, so sie einen «gewissen» Wert übersteigen, ungeachtet ihrer Verwendungsart. Den «gewissen» Wert (ausser, dass er unter CHF 150'000 liegt) kennen wir nicht, dennoch werden wir vielleicht bestraft, wenn wir einen Gegenstand unseres Hausrates, der ihn übersteigt, nicht deklariert hatten. Der Autor hält ein Nachsteuer- und Bussenverfahren zwar für verfassungswidrig, was aber bei der Frage, wie in noch offenen Veranlagungen und zukünftigen Steuererklärungen vorzugehen ist, nicht weiterhilft.
Was tun? Experten herbeirufen mag in Sonderfällen angemessen sein, erscheint aber meist als unverhältnismässig. Also abwarten, was sich in der Wegleitung zur Steuererklärung 2012 als «gewisser» Wert findet, und dementsprechend deklarieren? Wer korrekt deklarieren will, wenn dort das Wertkriterium fehlt oder wenn er selber keine Wertvorstellungen hat, müsste eine Beilage unter dem Titel «Hausrat» anfertigen, verkäufliche Objekte einzeln auflisten, in der Spalte «Verkehrswert» die Werte bzw. «unbekannt» aufführen und diese Beilage mit seiner Steuererklärung einreichen. Damit gibt er den Schwarzen Peter dem kantonalen Steueramt weiter, mit dem er sich dann auseinandersetzen muss.

Gerichtsentscheid: www.vgrzh.ch//Rechtsprechung//Dokument: SR.2011.00019

Marco Duss, Steuerexperte VSB, Partner Altorfer Duss & Beilstein AG, Zürich. marco.duss@adbtax.ch



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Ausgabe 12  2012
Autor/in Marco Duss
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