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Besprechung
12.2012


Françoise Theis :  In der Galerie Gisèle Linder zeigt die Genfer Künstlerin Carmen Perrin neue Zeichnungen, Ritzungen und Perforierungen. In diesen verschiedenen Medien werden das Erlebnis der Stadt und spezifische Entdeckungen während eines Atelierstipendiums 2012 der Landis & Gyr Stiftung in Berlin reflektiert.


Basel : Carmen Perrin


  
Carmen Perrin · Entrer dehors, sortir dedans, 30 portes Bruno Taut, Berlin 2012, Installation, Kautschuk, Acryl-Farbe. Foto: Serge Hasenböhler


In einem Modus des langsamen Schauens und Sich-Fortbewegens hat Carmen Perrin (*1953) als Stadtwanderin die deutsche Hauptstadt erkundet. Gleich einer Flaneuse à la Walter Benjamin liess sie sich in kilometerlangen Spaziergängen durch die Stadt treiben, ging in der Masse unter oder zog einsam immer grössere Kreise. Ist die Bewegung nicht zielgerichtet, so wird der Weg zum Mäander. Die Wege verdichten sich, werden umgeleitet, kreuzen sich oder kehren zu gleichen Orten zurück. Solche Bewegungsmuster setzt Carmen Perrin in ‹La marche et les obstacles› um. Die Bleistift-Zeichnung wird zum Nachhall und zur Weiterführung, dann, wenn die Beine ruhen und die Hand die Bewegung nachempfindet und immer wieder mit der Bleistiftspitze das Papier durchstösst, um einen Unterbruch - die Pausen, das stille Betrachten - zu markieren. Eine andere Technik der Übersetzung findet sich in den Arbeiten, deren Träger Berliner Stadtpläne sind. Nach dem Auftragen einer uniformen Schicht von dunklem Neocolor ritzt Perrin ein Linien-Netz ein, welches gleichsam die Kartenstruktur wieder frei legt und unsichtbare Stadtverbindungen evoziert, die auf anderen Ebenen - real oder imaginiert - existieren. Überraschend ist, wie sich dadurch die Materialität des Stadtplanes verändert: Das glatte Papier erscheint nun als weicher, dicker Filz.
Carmen Perrin fiel - im Gegensatz zum grauen Stein ihres Wohnortes Genf - die Buntheit vieler Berliner Bauten auf. Aus dem Flanieren wurde eine zielgerichtete Suche - hin zur Architektur des sozialen Wohnungsbaus der Berliner Moderne der Zwanzigerjahre. Perrin fotografierte vor allem die farbliche Gestaltung der Grosssiedlungen von Architekt Bruno Taut (1880-1938). Als buchstäbliche Grundlage der Installation ‹Entrer dehors, sortir dedans, 30 portes Bruno Taut› dienen ihr dreissig Fotografien von Türen aus Tauts Siedlungen, die sie auf Gummimatten aufdruckt, stapelt und dann mit kegelförmigen Ausstanzungen perforiert. Das herausgelöste Kegelmaterial ist zu vibrierenden Farbformen in drei Fensterrechtecken gefügt, die zusammen mit den geschichteten Türmatten in die Wand eingelassen sind. Eine Fassadenansicht entsteht, welche sich in dieser Verschränkung von Innen- und Aussenansicht wiederum auf die Farbgestaltungen von Taut bezieht: Im Weiterführen von Farbakzenten der Wohnungswände auf die Fassade verwischen sich die Grenzen zwischen Innen und Aussen, der Lebensraum wird mittels Farbräumen erweitert.

Bis: 15.12.2012



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Carmen Perrin [31.10.12-09.01.13]
Institutionen Gisèle Linder [Basel/Schweiz]
Autor/in Françoise Theis
Künstler/in Carmen Perrin
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