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Besprechung
12.2012


Thomas Schlup :  «Jein» oder «Na»? «Vielleicht» oder «am liebsten beides»? Das Stapferhaus macht einem das Leben mit der konsequent als «Supermarkt der Möglichkeiten» konzipierten neuen Aus- stellung «Entscheiden» sehr wahrscheinlich nicht leichter, aber sicher spannender.


Lenzburg : Entscheidungen, nichts als Entscheidungen


  
Entscheiden, 2012, Ausstellungsansicht, Stapferhaus. Foto: Anita Affentranger


Die Rechnung folgt am Schluss, erst nach dem Besuch der Ausstellung, beim Ausgang und dem Gestell mit den Büchern, Karten, Souvenirs, wird man zur Kasse gebeten. Austritt statt Eintritt, sozusagen. Und statt eines Rabattmärklis wird ein persönliches Entscheidungsprofil ausgedruckt. Beglückt (oder auch nicht) setzt man sich in die Cafeteria, die sich mit Blütenblätter-Lampenschirmen aus Kunststoff an die Möblierung von Restaurants in Einkaufszentren anlehnt. Selbst auf dem stillen Örtchen bleiben einem Entscheidungen nicht erspart: Es gibt sechs Rollen mit verschiedenen WC-Papieren zur Auswahl. Eine Entscheidung wird einem zumindest abgenommen: der Eintritt in die geheiligten (Markt)Hallen. Alle 5:43 Minuten geht für genau sechzig Sekunden die Schleuse auf, und das Publikum darf ein Atrium voller Pflanzen, flatternder Schmetterlinge und einem Corporate Video betreten. Eine Reverenz an die garstigen «Vereinzelungsanlagen» in den Eingängen heutiger Gebäude.
Kaum drin, ist schon die erste Entscheidung fällig: Welche Tasche darf's denn sein? Inhalt dieser Tasche ist nämlich die alles entscheidende «Entscheiden-Card», welche fester Bestandteil des Rundgangs ist und die Daten für unser Entscheidungsprofil liefert. Eine der wichtigsten Entscheidungen muss relativ früh im Leben getroffen werden: Welchen Beruf wähle ich? Neun Schulabgänger/innen berichten in Videos von ihrer (Qual der) Wahl, dem Wunschtraum und der kalten Realität. Der Weg durch die Ausstellung berührt Themen wie Politik («Wie entscheiden Entscheidungsträger»), Glückssache (Es haben nicht alle die gleiche Auswahl, James Mollison's «Where
Children Sleep») oder die Unverbindlichkeit in der Liebe («Lebensabschnittspartner»). Eine Vitrine voller Pralinées verführt uns so lange, bis wir merken, dass mehr Auswahl nicht unbedingt mehr Glück bedeutet. Konsequent werden auf dem Rundgang Kopf und Bauch gekitzelt, bis wir am Schluss am liebsten alles haben wollen.
Es gibt aber auch Ereignisse, die sich unserer Entscheidung entziehen: Das verdunkelte Dachgeschoss nimmt sich mit «Zufall und Schicksal» unter anderem dem Leben nach dem Tod eines Kindes an. «Zuklafallvier & Kugelschickbahnsal» von Husmann/Tschäni bildet den etwas solitären Abschluss. Ein sorgfältiges Magazin ergänzt die Ausstellung. Das Schlusswort hat Suzanne Zahnd (Radiofreunden bekannt aus der Zeit, als DRS3 noch ein guter Sender war): «[...]links, rechts, vorwärts oder zurück? Die Antwort lautet ja!».

Bis: 30.06.2013



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Stapferhaus: Entscheiden [15.09.12-25.04.14]
Institutionen Zeughaus [Lenzburg/Schweiz]
Autor/in Thomas Schlup
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