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Besprechung
12.2012


Sabine Elsa Müller :  Nach der Manifesta in Genk schiebt die Kuratorin Katerina Gregos gleich noch eine hochkarätige Themenausstellung in der belgischen Provinz hinterher. Alfredo Jaars Beitrag ‹Let There be Light› im ING Kulturzentrum sorgt für die Verlinkung mit der Hauptstadt.


Mechelen/Brüssel : Newtopia - The State of Human Rights


  
links: Satch Hoyt · Say It Loud!, 2004, 500 Bücher, weisse Metalltreppe, Mikrophon. Foto: Peter Gabriel
rechts: Alfredo Jaar · Embrace, 1995, The Rwanda Project 1994-2000, Video, Color, 60'


‹Embrace› ist ein kurzes Video: Die Kamera pirscht sich von hinten an zwei einträchtig Arm in Arm zusammenstehende Jungs aus einem Flüchtlingstreck heran und legt die ganze Konzentration auf die suchenden Bewegungen der Arme und Hände. Die Arbeit ist Teil des Ruanda-Projekts von Alfredo Jaar. Der gebürtige Chilene (*1956, Santiago de Chile) hat sich von 1994-2000 mit dem Genozid in Ruanda im Jahr 1994 auseinandergesetzt, bei dem über eine Million Tutsi niedergemetzelt wurden. Der Zyklus nähert sich dem Unfassbaren mit verschiedenen Medien und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, aber immer wieder findet er solche Bilder des Trostes und der Hoffnung. Jaars Umgang mit den Gräueln und Tragödien ist gekennzeichnet durch eine Verweigerungshaltung, so dass sich zwischen den sehr ruhigen und manchmal geradezu elegischen Einstellungen eine Ahnung von der Tragweite des Geschehens, das sich diesen Gesichtern, diesen Landschaften und Städten eingebrannt hat, entwickeln kann. Jaar trägt nicht zur Verbreitung der Schreckensbilder bei, sondern zielt auf das Bewusstsein für das eigene Sehen, das Verantwortung mit einschliesst.
In ihrem Katalogessay zur Brüsseler Ausstellung ‹Let There be Light› arbeitet Katerina Gregos diese subtile und medienkritische Haltung Alfredo Jaars und seinen Abscheu gegen Didaktik, Pathos, Sentimentalität und Sensationslust sehr genau heraus. Offenbar hat sie von Jaar viel gelernt. Auch ‹Newtopia› blickt nach vorne und setzt auf eher leise, mitunter humorvolle Töne und vor allem auf die Macht sinnlich starker Bilder. 64 Jahre nach der Unterzeichnung der Declaration of Human Rights in Paris schafft es wenigstens die Kunst über den europäischen Tellerrand: Die Hälfte der siebzi Künstler stammt selbst aus Ländern wie Südafrika, China, Indien, Lateinamerika und dem Nahen Osten.
Der Ausstellungsparcours umfasst vier Stationen vor spektakulärer flandrischer Altstadtkulisse und beginnt im Kulturzentrum von Mechelen. Beim gebürtigen Londoner, jetzt in Berlin lebenden Satch Hoyt (*1957) geht es um die Redefreiheit: ‹Say It Loud!› nimmt eine Textzeile aus einem James-Brown-Song auf, die so manipuliert wird, dass die Ausstellungsbesucher/innen sich in die Leerstelle selbst einschreiben können. Die Stimme tönt von einer Rednertribüne herab, die auf einem wackligen Sockel aus 500 Büchern zum Thema Afrika thront. In ‹Fragmented› setzt derselbe Künstler Scherben von Porzellanfigürchen zu monströsen Chimären neu zusammen. Dass die Fragmente aus dem Berliner Untergrund, dem von den Trümmerfrauen eingesammelten Schutt der Bombennächte stammen, gibt der Arbeit eine zusätzliche historische und soziale Dimension. - Die Italienerin Elisabetta Benassi (*1966 in Rom) erforscht das Aggressionspotential der Siebzigerjahre anhand von Feuerzeugen mit makabren Eingravierungen aus dem Vietnamkrieg. Wie eine minimalistische Skulptur aus Stahl und Plexiglas wirkt dagegen ihr Nachbau der kugelsicheren Kabine, aus der heraus Angela Davis ihre Rede im New Yorker Madison Square Garden am 30. Juni 1972 hielt.
In der nächsten Station wird Originalfilmmaterial von 1975 vorgeführt: ‹Super­dyke› ist einer von über achtzig Filmen, die Barbara Hammer (*1939, Hollywood, lebt in New York) über lesbische Liebe und homosexuelle Identität drehte. Der Film sprüht vor Fantasie und Lebensfreude und visualisiert Hammers Anliegen «eine Gemeinschaft zu bilden, die neue Vorstellungswelten entwickelt». Trotz Siebzigerjahre-Charme überrascht der Film durch seine unverbrauchte Frische. An aktuellen Krisenherden mangelt es selbstredend der Ausstellung nicht: Thomas Klipper (*1956, Stuttgart) arbeitet in seinem Langzeitprojekt ‹Lighthouse for Lampedusa› über die nicht abreissenden Flüchtlingsströme und Taysir Batniji (*1966, Gaza, lebt in Paris) über die Palästinafrage in einer Serie mit Schwarzweissfotografien von den Wachttürmen am Gaza-Streifen. Gerade durch ihre offensichtliche Nähe zu den berühmten Becher-Typologien treten die Unterschiede desto deutlicher hervor: Bei Batniji hatte niemand Zeit, störendes Unkraut mit der Schere zu entfernen; viele Fotos sind verwackelt oder unscharf. Unter den in Palästina herrschenden Bedingungen ist es schon schwierig genug, diese Wachttürme überhaupt zu fotografieren. Die westliche Ästhetik als Referenzebene wird von den Künstler/innen zunehmend in Frage gestellt. Der junge Hayv Kahraman aus dem Irak (*1981, Baghdad, lebt in Phoenix, Arizona) versucht sich an einem eigenen Stil. Seine nach Art von Spielkarten zweigeteilten monumentalen Gemälde auf Holz demonstrieren die Janusköpfigkeit einer gestückelten Identität in einer irgendwie östlich wirkenden, aus vielen Einflüssen zusammengesetzten Bildsprache.
Dass ausgerechnet in dem gerade mal 80'000 Einwohner zählenden Mechelen eine so wichtige Ausstellung zustande kam, hängt mit dem neuen Museum Kazerne Dossin zusammen, Gedenkstätte und Dokumentationszentrum über den Holocaust und die Menschenrechte, dessen parallel zur Eröffnung von ‹Newtopia› geplante Einweihung auf den 1. Dezember verschoben werden musste. Ein genialer Einfall war es, Mechelen mit dem nahe gelegenen Brüssel durch eine ‹Satellitenausstellung› eines Künstlers vom Rang Alfredo Jaars zu verbinden. Jaar konzentriert sich mit Arbeiten aus dem Ruanda- und Angola-Zyklus und dem Thema Fotojournalismus auf einen kleinen, aber ungemein eindrucksvollen Ausschnitt seiner eben zu Ende gegangenen grossen Berliner Retrospektive.

Bis: 01.02.2013



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Newtopia [05.11.12-10.12.12]
Institutionen Cultuurcentrum Mechelen [Mechelen/Belgien]
Autor/in Sabine Elsa Müller
Künstler/in Alfredo Jaar
Künstler/in Hayv Kahraman
Künstler/in Taysir Batniji
Künstler/in Thomas Klipper
Künstler/in Barbara Hammer
Künstler/in Elisabetta Benassi
Künstler/in Satch Hoyt
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