Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
12.2012


Kristin Schmidt :  Sylvia Sleigh steht ausserhalb ihrer Zeit und mitten drin. Ihre Malerei lässt sich keiner zeitgleichen Kunstströmung zuordnen, dennoch war sie mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert wie alle Künstlerinnen ihrer Zeit. Mehr als sieben Jahrzehnte malte sie gegen künstlerische und gesellschaftliche Konventionen.


St. Gallen : Sylvia Sleigh


  
Sylvia Sleigh · Ausstellungsansicht, Paul Rosano Reclining, 1974, Bob Hock Standing, 1963-66, Paul Rosano with His Guitar, 1973, Betty Parsons, 1963, Joan of Arc with SS Michael and Margaret: Joan Watts, 1985, The Avocado (Lawrence and Sylvia with Arthur the Avocado), 1966, Ausstellungsdesign: Martin Leuthold (Jakob Schlaepfer, St. Gallen). Foto: Gunnar Meier


Eine posthume Retrospektive? Das passt nicht ins übliche Verständnis eines Kunsthallenprogramms. Wenn also in der Kunst Halle Sankt Gallen Sylvia Sleigh präsentiert wird, überrascht das zunächst. Ein Gang durch die Ausstellung zeigt jedoch, dass sie mehr ist als der Rückblick auf ein Lebenswerk.
Sylvia Sleigh (1916-2010) war eine ungewöhnliche Künstlerin, eine, die sich von Anfang der Figuration widmete und keine Konzessionen an gängige Stile machte. In einer Zeit, als die malerische Geste, der Zufall, die Art und der Prozess des Farbauftrags gefeiert wurden, entwickelte sie ihre kompositorische Strenge und ihren offenen Blick für das Individuum. Sleighs sinnlich kühne Porträts sind mehr als harmlose Bildnisse von Künstlerkollegen und -kolleginnen. Sie entspringen einem Diskurs über Macht, Repräsentation und Gender. Sie unterwandern den objektivierenden, neutralen Blick des Künstlers auf sein zumeist weibliches Modell durch die Lust an der Schönheit des männlichen und weiblichen Aktes, durch eine Neubewertung des Ganzkörperporträts und durch eine grosse Aufmerksamkeit für sämtliche Bildelemente. Den szenischen Details eignet eine Oberflächenverliebtheit, die der Ausstrahlung der Porträts und nackten Leiber in nichts nachsteht.
Diese Hingabe an Gestalt und Dekor war der Ausgangspunkt für den St.Galler Textildesigner Martin Leuthold. Aus der Opulenz der Farben und Muster entwickelte er das Ausstellungsdesign, gestaltete Tapeten auf der Basis einzelner Bildelemente wie etwa kleiner Stiefmütterchenblüten. Andere Wände sind in Leuchtfarben gestrichen, die Stirnseiten tragen mal die Farbe, mal das Muster weiter. In einem Raum überzieht schillernde Folie mit riesenhaft vergrösserten Motiven die Wände.
Farben und Formen aus den Gemälden verselbständigen sich. So wird die Retrospektive zum Projekt über die Präsentation von Malerei. Dies gilt umso mehr, als dass die Schau insgesamt fünf Stationen hat und überall eine andere Auslegeordnung versucht wird. In der Tate Liverpool gäbe es nicht nur verblüffende Parallelen zu den Präraffaeliten zu entdecken, sondern die Werke passen dort zur zeitgleichen Ausstellung ‹Glam! The Performance of Style›. In St. Gallen wird die ästhetische Kraft der Bilder getestet. Statt Sleighs Affinität zum Dekorativen blosszustellen, wird sie aufgenommen und in der Inszenierung noch gesteigert. Die Bilder halten das aus: Malerei und Präsentation gehen eine perfekte Symbiose ein.

Bis: 02.12.2012



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Sylvia Sleigh [06.10.12-02.12.12]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Sylvia Sleigh
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=121123095819D1H-15
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.