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Hinweis
12.2012




Burgdorf : Cécile Hummel


von: Gabriel Flückiger

  
links: Cécile Hummel · Ohne Titel/Untitled, 2012, Gouache auf Papier, 33 x 48 cm
rechts: Cécile Hummel · Bibliothek aus: Library and street kitchen, Palermo, 2010, s/w Fotografie, 50 x 70 cm


‹Blick-Kontakt›, der Titel einer Arbeit von Cécile Hummel (*1962) in der aktuellen Ausstellung im Museum Franz Gertsch, ist Metapher für das Verständnis von ihren Fotografien, grautönigen Gouache-Arbeiten sowie Offsetprints. Der Welt nähert sich die Basler Künstlerin, so hat man nach dem Besuch der Ausstellung das Gefühl, vor allem visuell; das Auge denkt, versteht, verbindet. In assozia-tiven Assemblagen treffen verschachtelte Geometrien auf fotografierte Alltagsdetails. Die Zeichnungen fungieren dabei als Echo der Fotografien. Sie nehmen kompositorische Details auf, führen diese weiter und wirken auf die fotografierte Realität zurück.
Deutlich wird dies besonders bei der Zusammenstellung ‹Bibliothek (Verlieren der Ordnung)›. Fotografien zeigen die Casa Professa in der Chiesa del Gesù in Palermo, die erste öffentliche Bibliothek in Sizilien. Was, mehrstöckig und mit ionischen Säulen ausgestattet, eindrücklich wirkt, ist ein konservatorischer Unort. Die Bücher scheinen dem Verfall ausgeliefert: Eine fotografische Ansicht zeigt einen wahllosen Stapel voller ausgefranster, brüchiger Bücher. Hummel transferiert diesen in ein abstraktes Gebilde voller verknoteter Flächen. Es sind nicht mehr Bücher, sondern zeichnerische Wesen, die sie uns da zeigt, und die künstlerische Umformung wird zum Mittel gegen die Zersetzung.
Der Umgang mit Vergänglichkeit, nicht zuletzt des menschlichen Seins, ist jedenfalls auch bei Hummels Reihe von Offsetdrucken eine wichtige Komponente. Historische Glasnegative aus den Dreissigerjahren dienten als Grundlage und wurden für die neuen Abzüge von der Künstlerin überarbeitet. Die Paare, Familien und Kinder, welche sich zum Teil sichtlich stolz im Fotostudio ablichten liessen, sind verdoppelt, in blauer Verfärbung oder nur noch als weisse Leerstelle präsent. Durch diese bildnerische Abstraktion wird die Begegnung mit den anonymen Unbekannten umso eindringlicher: Eine zusätzliche Ebene trennt uns von den Personen, lässt sie in noch grösserer Distanz zurück und verschärft, was Roland Barthes als Charakteristika der Fotografie meint: «Immer wird hier die Zeit zermalmt: Dies ist tot und dies wird sterben.»
Nur schade, dass gewisse zeichnerische Arbeiten von Hummel uns zusätzlich auf die Sprünge helfen wollen. Wenn sich beispielsweise durch die mit entrückten Strichen gezogene Pyramide die Wörter «forever young» ziehen, wirkt das redundant. Denn der Kontakt mit der Welt erstellt sich sonst bei Hummel völlig unvermittelt.

Bis: 06.01.2013



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Ausgabe 12  2012
Ausstellungen Cécile Hummel [22.09.12-06.01.13]
Institutionen Museum Franz Gertsch [Burgdorf/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Cécile Hummel
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