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Fokus
1/2.2013


 Eine Ausstellung - ein Lied. Der Isländer Ragnar Kjartansson erfindet im Zürcher Migros Museum den musikalischen Minimalismus. Nachdem er im Juni zur Voreröffnung des Löwenbräu Opernsängerinnen und Opernsänger, begleitet von Korrepetitoren, Schuberts Ode ‹An die Musik› intonieren liess, verwandelt er diesmal den Ausstellungsraum zur einsam-gemeinsamen Übungsbühne. Und erweitert dabei den Begriff des Readymade um einige Noten.


Ragnar Kjartansson - Das Museum als Resonanzkörper


von: Daniel Morgenthaler

  
links: Ragnar Kjartansson · the Visitors, 2012, Production still: Elisabet Davidsdottir
rechts: the Visitors, 2012, Production still: Elisabet Davidsdottir


Ragnar Kjartansson ist ein Verwandlungskünstler. Nicht nur sieht er immer wieder anders aus: Mal ist er, wie in seiner Performance ‹An Ode to Bubbi Morthens›, 2004, nur mit Nylonstrümpfen bekleidet, die Füsse stecken in - sicher sehr bequemen - Broten. Mal tritt er, wie im Falle der bekannten Videoarbeit ‹God› von 2007, als eleganter Crooner auf, der vor einem Orchester immer wieder dieselbe Strophe wiederholt. Und mal, wie momentan im Migros Museum für Gegenwartskunst in einer ganz neuen Videoarbeit zu sehen, sitzt er, wieder etwas fester geworden, in einer Badewanne und singt inbrünstig.
Doch Kjartansson ist noch in anderer Hinsicht ein Verwandlungskünstler: Er vermag es nämlich, mit seiner Arbeit Musik in bildende Kunst zu verwandeln. Oder bildende Kunst in Musik, wie man will. Schon zur Einweihung der neu renovierten Räume des Migros Museums im Juni 2012 kam der Isländer mit Noten: Im riesigen Hauptraum und über zwei Etagen verteilt standen und sassen verschiedene Duos - Gesang und Klavier -, welche die Ode ‹An die Musik› von Franz Schubert intonierten. Nicht zeitgleich allerdings, sodass sich während der mehrtägigen Performance eine klanggewaltige Kakophonie entwickelte.

Raum und Zeit
Es ist ein fliessender spartenübergreifender Kunstgriff, der es Kjartansson - der selbst auch live mitsang - erlaubt, das Werk in einem Ausstellungsraum und nicht etwa in einem Konzertsaal aufzuführen. Wie Heike Munder in ihrem Essay in Kjartanssons neu erschienener Monografie ‹To Music› ausführt, steht er damit in einer Tradition mit anderen Musikern, welche die «Zeitkunst» Musik der «Raumkunst» - der bildenden Kunst - näher brachten: Karlheinz Stockhausen etwa, der mit der Positionierung von Publikum und Orchestern experimentierte. Oder John Cage natürlich, der auch unter jüngeren Künstlern - Raumkünstlern, wohlverstanden - sehr einflussreich ist und mittlerweile auch im Museum - unlängst in der Mathildenhöhe Darmstadt oder in der Staatsgalerie Stuttgart zum Beispiel - gelandet ist.
‹The Visitors›, die mehrteilige Videoarbeit, die Kjartansson nun in seiner wegen Baumängeln an der Architektur verspätet eröffneten Einzelausstellung im Migros Museum zeigt, ist interessanterweise schon wieder viel klassischer zeitkünstlerisch. Die Kakophonie weicht hier der Harmonie: Verschiedene Musiker spielen ein Lied Kjartanssons, dessen Text von seiner Partnerin Asdis Sif Gunnarsdottir stammt.

Eine Explosionsdarstellung eines Liedes
Die räumliche Verteilung der Tonquellen ist hier ebenfalls ein Thema, wenn sie sich im Resultat auch viel harmonischer vermengen: Kjartansson hat das lange Lied in einem Landhaus in Upstate New York aufgenommen. Jede teilnehmende Musikerin, jeder Musiker sass in einem anderen Raum der bröckelnden Hippie-Villa, deren Bewohner-Paare sich offenkundig für Schamanismus interessieren. Im Migros Museum bleiben diese Räume in einzelnen, wandfüllenden Videoprojektionen visuell getrennt. Erst im Klang kommen die verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, ergibt sich aus ihren gezupften, geklimperten, gestrichenen und gesummten Liedfragmenten ein musikalisches - und raumkünstlerisches - Ganzes.
Da der abgedunkelte Hauptsaal des Migros Museums um eine Ecke führt, ist es unmöglich, sämtliche Projektionen gleichzeitig anzuschauen. Wie in der Verschriftlichung eines Stücks, einer Partitur, wird hier das melancholische Lied auseinandergenommen und visuell zerstückelt dargestellt. Wir haben es hier quasi mit einer «Explosionszeichnung» eines Liedes zu tun, ähnlich wie sie in der Architektur für komplexe Bauelemente verwendet wird.
Es geht also bei ‹The Visitors› nicht nur um die Kunst der Musik, sondern auch um die Architektur der Musik. Und um die Architektur, in der diese Musik gespielt wird. Insofern ist es natürlich sehr passend, dass Kjartansson das neue Migros Museum mit Sang und Klang als Resonanzkörper einweihen darf. Und es wird spannend sein, zu sehen, ob die nachfolgenden Künstlerinnen und Künstler den Raum ebenso gut zu verwandeln wissen wie der Verwandlungskünstler Kjartansson.
Der natürlich nicht nur von der Kunst von Stockhausen und Cage profitiert. Sondern sich auch auf den ultimativen Verwandlungskünstler des 20. Jahrhunderts, Marcel Duchamp, verlassen kann. Während Duchamp Alltagsobjekte durch den Transfer in den Ausstellungsraum zur Kunst verwandelte, macht Kjartansson das mit Musik. Man kann eben nicht nur Gegenstände in den Ausstellungsraum bringen und so verwandeln, sondern auch Lieder. Oder andere Architekturen, wie etwa das hippieske Rokeby House in New York - und das selbst ohne grosse Baukosten. Kjartansson erweitert die Duchampsche Erfindung des Readymade einfach um einige Noten.
Mit dem Unterschied, dass Duchamp wohl Mühe hatte, einem Kunstbanausen seinen Flaschenständer teuer zu verkaufen. Kjartansson kann mit seiner Musik auf mehr Wohlwollen der breiten Masse zählen. Dennoch ist es nachvollziehbar, dass er offenbar nicht zu hundert Prozent auf die Raumkunst-Ebene, also den Kunstbetrieb setzt. Der Isländer spielt mittlerweile in seiner sechsten Band, mit der er auch am Eröffnungsabend seiner Ausstellung im Migros Museum auftrat.
Auch seine Bandgeschichte zeigt Kjartansson als äusserst wandelbar: Als Rassi Prump (der Name erinnert an die isländischen Wörter für «Arsch» und «Furz») mimte er den Macho, mit ‹The Funerals› spielte er Country, und in der Glampop-Elektroband ‹Trabant› trat er öfters auch nackt auf. Vielleicht ist ja der bildende Künstler Ragnar Kjartansson nur eine weitere seiner Kunstfiguren? Und wer weiss, ob er sich am Ende gar nicht in einen Raumkünstler verwandelt hat, sondern das Museum einfach frech als monumentalen Resonanzkörper für seine performativ aufgeladene Zeitkunst verwendet? Verwandlungsmagie à la Duchamp kann auch heute noch nachhaltig verwirren. Vor allem, wenn sie so magisch gut tönt.
Daniel Morgenthaler, freischaffender Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Helmhaus Zürich, lebt in Zürich. dani_moergi@hotmail.com


Bis: 27.01.2013


Ragnar Kjartansson (*1976, Reykjavik) lebt in Reykjavik und Berlin

Einzelausstellungen
2011 ‹Endless Longing, Eternal Return›, Frankfurter Kunstverein
2010 ‹Me and My Mother›, EX3, Florence
2009 Isländischer Pavillon, Biennale Venedig
2008 Manifesta 7
2007 ‹Repeat Performances: Roni Horn and Ragnar Kjartansson›, Bard College, New York

Gruppenausstellungen
2012 ‹Le nouveau pleinairisme›, Musée national des beaux-arts du Québec
2011 ‹The Garden of Forking Paths›, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; ‹Prospect.2›, New Orleans
2010 ‹Homage to Christoph Schlingensief›, Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien
2006 Momentum Biennale, Moss, Norwegen



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Ragnar Kjartansson [16.11.12-27.01.13]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Ragnar Kjartansson
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