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Fokus
1/2.2013


 Für ‹Die Herrscherin› hat sich der Comiczeichner Chrigel Farner von der gleichnamigen Tarotkarte inspirieren lassen. Die Herrscherin ist hier zugleich Imkerin und Bodenbearbeiterin und der Autorin wird ein wenig bange ob all der schwindelerregenden Gesichter und Kräfte.


Ansichten - Die Herrscherin


von: Esther Banz

  
Chrigel Farner · Tarot III-Herrscherin, 35 x 24,5 cm, Gouache und Farbstift


Kürzlich kam ich zu einer defekten Rolltreppe. Vor mir ging ein älteres Paar. Der Mann klammerte sich fest an seine Frau, als er den ersten Schritt auf diese nicht rollende Treppe machte, und auch mir wurde etwas schummrig, als ich die Stufen runterging, die sich entgegen jeder Gewohnheit und Erwartung einfach nicht bewegten. Ich hörte, wie der Mann der Frau zuflüsterte: «Ich kann mir selber noch so eindringlich sagen: Diese Rolltreppe steht STILL - mein Gehirn glaubt mir einfach nicht.»
Mit der Rolltreppe verhält es sich ähnlich wie mit den zwei Punkten und dem waagrechten Strich: Wir Mensch erkennen darin sofort ein Gesicht. Das hat mir mal ein Comiczeichner erklärt. Der Strich darf auch eine Biegung haben, nach unten oder nach oben. Je nachdem sagt einem das Gesicht dann: «glücklich!» oder «unglücklich». Gesichter sind faszinierend, ich vergesse die Zeit, wenn ich eines mustern kann, ein echtes oder ein gezeichnetes. Alles, was rundherum auch noch ist, kann nicht mit der Wirkung eines Gesichtes konkurrieren - völlig egal, wie dieses aussieht.
Das fiel mir auch auf, als ich ‹Die Herrscherin› von Chrigel Farner zum ersten Mal in Farbe sah (schwarz-weiss ist sie im Kinderbuch ‹Nemorino› von Gion Cavelty abgedruckt). Farner ist wissenschaftlicher Zeichner, Illustrator und Comicautor, ‹Die Herrscherin› ein für ihn typisch fantastisches Bild. Im Mittelpunkt die alte Frau mit der knorrig-dunklen Haut und den knopfartig gelben Augen, die auch Schellen sein könnten, über ihr schwebend eine lächelnde Biene. Dass die alte Frau einen Imkerschutz um ihren Kopf trägt, erkenne ich erst später. Und dass auch sie trotz ihrer runzligen und feindselig wirkenden Haut einen fröhlichen, gutmütigen Ausdruck hat, ebenfalls. Die Lippen erzählen das. Aber die Lippen sind hier klein und unscheinbar.
Viel aufdringlicher sind da die singenden Blumen. Und vorwitzig der blauäugige Mond, oder ist es doch die Sonne? Ich sehe, dass Chrigel Farners Wesen auch Nasen haben. Einzig der Kohl und die Erde und auch die Waben mit dem Honig haben keine Gesichter - sie wirken dadurch neutraler und distanzierter, sie bleiben im Hintergrund, der Kohl wird immer gleich bleiben, während der Honig fliesst. Die grosse Unbekannte aber sind die Gesichter, die sich jederzeit verändern können. Dieses Bild spickt mich ins kindliche Betrachten zurück, in ein naives Staunen und auch ein banges Ausgeliefertsein. Es fühlt sich ein bisschen ähnlich an wie auf der Rolltreppe, die nicht rollt. Nur nicht ganz so schwindelerregend.
Esther Banz ist freie Autorin, Hundebesitzerin, Wanderin und lebt in Zürich. esther@buero.banz


‹Die Herrscherin› ist eine Illustration im Kinderbuch ‹Nemorino und das Bündel des Narren› von Gion Mathias Cavelty und Chrigel Farner, Salis-Verlag 2012



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Ausgabe 1/2  2013
Autor/in Esther Banz
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