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Editorial
1/2.2013





  
TITELBILD · Ragnar Kjartansson · The Visitors, 2012, Production Still: Elisabet Davidsdottir


Das Publikum steht im Dunkeln und lässt sich von den Bildern und der Musik treiben. Einer schaut der jungen Cellistin zu, die in sich versunken über die Saiten streicht, eine andere dem Gitarristen, der wohlig in der Badewanne vor sich hinschrummt, und zwei Kinder fiebern vor einer der wandfüllenden Projektionen dem Böllerschuss aus einer Kanone entgegen, die im Park vor der Villa das drängende Crescendo in einen erlösenden Knall münden lässt.
In der Musik sind alle aufgehoben. Eingebunden in eine Gemeinschaft und doch für sich. Der Isländer Ragnar Kjartansson macht dies mit seiner Installation im umgebauten Migros Museum in Zürich auf erfrischende Weise bewusst. Erst mit der Zeit wird deutlich, dass die Spielenden mit ihren Instrumenten in den unaufgeräumten Gemächern keineswegs auf einem musikalischen Solotrip sind, sondern über Kopfhörer miteinander verbunden sind. Dass sie Teil einer Formation sind und ihr selbstbezügliches Spiel zu einer präzis rhythmisierten Session gehört. Und wie wir selbst von diesem akustischen und optischen Sog mitgerissen werden.
Ganz anders tönte es am gleichen Ort vor wenigen Monaten, als ebenfalls unter Kjartanssons Ägide mehrere Klavier-Gesang-Duos Schuberts Ode ‹An die Musik› intonierten. Die professionellen Sängerinnen und Sänger schmetterten ihre Tremolos in die noch leeren Hallen, als ob sie die Mauern des brandneuen Komplexes zum Einsturz bringen wollten.
Musik kann vieles. Kleist beschreibt in ‹Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik›, wie eine vor Begeisterung glühende Äbtissin mit ihrem Orgelspiel das Kloster vorm Einfall einer Kriegerbande schützt. Bei Shakespeare ruft Orsino einer Gruppe von Musikern zu: «If music is the food of love, play on». Wir lassen den Isländer das Jahr einsingen und wünschen Ihnen damit einen beschwingten Start - mit Kunst, Reflexionen zur Kunst und den in dieser Ausgabe erstmals erscheinenden ‹Kunstgeschichten›. Claudia Jolles



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Ausgabe 1/2  2013
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