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Artists in Residence
1/2.2013


  Das malerisch oberhalb Biels gelegene Atelier Robert, 1886 von Leo-Paul ­Robert erbaut, dient seit 1986 als Gastatelier für internationale Kunstschaffende, die das Haus bis zu drei Jahre mieten können. Seit November 2010 lebt und arbeitet der vielseitige und rastlose holländische Künstler Fredie Beckmans (*1956) im Atelier.


Fredie Beckmans - Wahres erzählen, als ob es gelogen wäre


  
Fredie Beckmans posiert als ehemaliger Vegetarier mit einer Riesenwurst im Atelier Robert, Biel. Foto: Cat Tuong Nguyen


Fredie Beckmans hat seinen eigenen Weg gefunden, sich an neuen Orten zu orientieren, und gern lädt er andere dazu ein, ihn dabei zu begleiten. In Biel bietet er in unregelmässigen Abständen «zwecklose Wanderungen» an, bei denen mal mit auf Karton aufgemalten Fernrohren Vögel über den Dächern der Altstadt beobachtet werden, mal ausserhalb der Pilzsaison auf der Petersinsel nach Pilzen gesucht wird. Wer solche Touren anbietet, muss ein bisschen verrückt oder sehr weise sein. ­Vermutlich ist Beckmans von beidem ein bisschen, in gut dadaistischer Manier.
Der niederländische Künstler Fredie Beckmans ist ein Allround-Talent. Er malt, zeichnet, fotografiert. 1985 erhielt er eine Auszeichnung durch Königin Beatrix. 2002 war er Weltmeister der Kochperformance. Er schreibt für Kunst-, Kulinar-, Literatur- und Obdachlosenzeitschriften. Und er liebt die Veränderung, den Ortswechsel. Er hat in Berlin und London gelebt. «Dort habe ich alles schon gemacht, alles schon gesehen», sagt er. In Biel fand er jetzt seine «Lebenslust und Kunstlust» wieder.
Die kleine Stadt am Jurasüdfuss bietet ein ideales Umfeld für den urbanen Naturliebhaber. See, Weinberge, Wald: Das ist nicht nur ein gutes Terrain, um mit selbstgemalten Ferngläsern und echter Neugier loszuziehen. Biel regt Beckmans auch an, an seiner Serie von Vogelhäuschen weiterzuarbeiten, kleinen Wolkenkukucksheimen, die mit den Namen der Vögel je einer bestimmten Region beschriftet sind und so naturwissenschaftliche Genauigkeit und heitere Poesie verbinden. Im Garten rund um das Atelierhaus zieht der Künstler Früchte und Gemüse, in der Küche entstehen daraus Suppen, Sirups, Konfitüren.
Im November 2010 ist er als Gast in das idyllisch gelegene Atelier Robert eingezogen. Seither webt er unermüdlich an einem Kontaktnetz, das weit über die Kunstszene hinaus reicht. Beckmans parliert mit Museumsdirektorinnen und Buchhändlern ebenso begeistert wie mit Strassenfegern oder den Bewohnerinnen des Altersheims gleich neben dem Atelier Robert.
Manche Vorgänger von Beckmans haben das pittoreske Atelierhaus schlicht als Arbeits- und Wohnraum benutzt. Der Holländer und seine Frau Kamala Dawar verwandeln das Atelier Robert in einen Magneten für Kunstsinnige und Neugierige. Interessierte Gruppen, der Bieler Kunstverein, Studierende der Schule für Gestaltung, ganze Schulklassen pilgern zu Beckmans. Während der Phototage veranstaltete er eine kleine Ausstellung im Atelier, mit Fotos und Gemälden rund um den Pilz. Darunter auch ein Porträt des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer unter einem Pilzhut.
Das verborgene Leben der Pilze, die Vielfalt der Natur, das interessiert Beckmans ebenso wie das gedankliche Durchdringen des Seins. In der Philosophie interessiert ihn besonders der Hegel-Schüler Karl Rosenkranz, der mit seiner ‹Ästhetik des Hässlichen› 1853 eine erste systematische Untersuchung des Hässlichen in seinen verschiedenen Erscheinungsformen vorlegte. «Gute Kunst kann nur existieren, wenn es auch schlechte Kunst gibt», erklärt Beckmans und offenbart damit ein Bedürfnis, zu verstehen, was die Kunst, ja, was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält. Doch lange verweilen mag er nicht bei schwergewichtigen Gedanken. Lieber streut er ein wenig Leichtes ein, erzählt vom 2005 gegründeten ‹Worst Club›, in dem der einstige Vegetarier ein Loblied auf die hässliche, fettige Wurst singt. Gern posiert er auch mit aufblasbaren Plastikwürsten um den Hals. Er hat etwas dafür übrig, Gewissheiten gegen den Strich zu bürsten, Ernstes zu verulken und auf scherzhafte Weise tiefgründige Fragen zu stellen. Wie tief diese Fragen gründen, das lässt er selber gern offen: «Ich tue gern so, als ob ich alles verstünde», bekennt er augenzwinkernd.
So behauptet Beckmans denn auch, das Porträt Schopenhauers als Pilz beziehe sich auf ein Zitat des Denkers. «Schopenhauer hat von sich gesagt: Ich bin ein Pilz!», postuliert Beckmans. Wem dieses Zitat unglaubwürdig vorkommt, hat möglicherweise recht. Möglicherweise aber auch nicht. Beckmans ist ein mit allen Wassern der Fabulierkunst gewaschener Geschichtenerzähler. «Ich bin mitteilungssüchtig», sagt Fredie Beckmans von sich selbst. Sicher keine Fehleinschätzung, doch der gewitzte Vielredner ist auch neugierig und offen, greift auf, was er hört, sieht, liest und transformiert die Welt, die in seinen Kopf einströmt dank seiner Redekunst in eine Welt voll neuer Farben und Wendungen. «Ich kann Wahres so erzählen, als ob es gelogen wäre», sagt er stolz. Das ist das wahre Genie des Geschichtenerzählers.
Aber natürlich erfindet er manchmal auch gern. 15 Jahre lang hat er für den Hessischen Rundfunk regelmässig Beiträge über Neue Musik produziert. Einer seiner erfolgreichsten Beiträge behandelte den Furz in der Neuen Musik, mit einigen Beispielen fiktiver Komponisten. Der Schlussredakteur war not amused. Doch die Hörer waren begeistert.
Der rastlose Beckmans schätzt an Biel gerade das kleinere Format, die konzentriertere Form. «In Amsterdam oder Berlin gibt es Tausende von Künstlern», sagt er. Der Neid, der Konkurrenzdruck sei dort ungleich grösser. Biel ist für ihn ein idealer Ort, um die Lust an der Arbeit neu zu entdecken. Doch auch als Gast im Atelier Robert ist der quecksilbrige Künstler viel unterwegs, mal in Holland oder in Deutschland. Im Juli letzten Jahren gastierte er bei der Feier ‹Cage 100› in Darmstadt und beglückte das Publikum mit drei leeren Koffern voller Ideen, viel Witz und Sinn fürs Absurde.

Bis: 27.01.2013


‹Cantonale Berne Jura›, Centre Pasquart, Biel, bis 20.1. ;‹Worst Club Performance›, Centre Pasquart, Biel, am 14.2. ‹Schnee von gestern›, Gruppenschau, Atelier Robert›, Biel, bis 27.1.

Dieser Beitrag erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, Schwerpunkt Schweizer Übersetzungsförderung ‹Moving Words›.
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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Cantonale Berne Jura [20.12.12-20.01.13]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Fredie Beckmans
Link http://www.worstclub.nl
Link http://www.atelierrobert.ch
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