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Kunstgeschichten
1/2.2013




Selbstverständlich wie der Kaffee und das Honigbrot


  
Samuel Herzog


Es war an einem trüben Wintertag in den 1980er Jahren. Ich war gerade dabei, mit einer Motorsäge eine Reihe von alten Brettern so zu bearbeiten, dass sie dereinst ein Bücherregal abgeben würden. Dabei verwandelte ich meine Wohnung in eine staubige Hölle - und ich hörte Radio. Man spielte die Donner-Ode von Telemann. Nach dem letzten Ton begann eine Frauenstimme über eine Ausstellung zu sprechen, ich glaube es war eine Schau in Solothurn. Es war zum ersten Mal in meinem Leben, dass ich jemanden hörte, der so über Kunst sprach, nicht über mittelalterliche Malerei, sondern über die Werke eines lebenden Künstlers. Mit Kunst hatte ich bis dahin nur historische Fakten assoziiert - dass sie auch etwas mit meinem Leben zu tun haben könnte, war mir nicht in den Sinn gekommen. Diese warme Stimme aber, die da durch den Staub meiner Wohnung an mein Ohr drang, behandelte die Kunst wie ein lebendes Wesen, wie etwas, das so selbstverständlich zum Leben gehörte wie der Kaffee am Morgen und das Honigbrot zum Dessert - so selbstverständlich aber auch wie gelegentliche Kopfschmerzen und die Tatsache, dass Schuhbändel immer im falschen Moment aufgehen. Also stand ich da, in kurzen Hosen, die Motorsäge in der linken Hand, ein Brett in der rechten und hörte zu. Ich wollte, dass dieses Sprechen gar nicht mehr aufhört, wollte, dass diese Stimme mir mehr und mehr über Kunst erzählt. Irgendwann aber kam der letzte Satz. Dann schaltete sich ein Moderator ein und nannte den Namen zur Stimme: Annemarie Monteil. Es folgte Mahlers Fünfte, ich warf die Säge wieder an und machte mich über meine Bretter her. Doch während ich immer mehr und mehr Staub produzierte, der sich in jeder Nische meiner Wohnung festsetzte, wusste ich, dass sich etwas verändert hatte, dass dieses Sprechen über Kunst auch in meinem Leben eine Rolle spielen würde.
Aus dem Bücherregal wurde nichts - ich hatte die Tablare zwei Zentimeter zu kurz geschnitten. Aus mir aber wurde im Verlauf der Jahre ein Schreiber über Kunst.
Samuel Herzog, Redaktor Neue Zürcher Zeitung s.herzog@nzz.ch



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Ausgabe 1/2  2013
Autor/in Samuel Herzog
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