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Besprechung
1/2.2013


Katharina Holderegger Rossier :  Das Werk Daniel Bersets durchzog bislang eine fast heilige Scheu vor dem Medium Malerei und der menschlichen Figur. Es sprang zwischen Grafik und Plastik, Collage und Installation hin und her und handelte zwar stets vom Humanen, doch vor allem von metaphorischen Auslotungen jenseits des Körpers.


Genève : Daniel Berset, ‹Visages›


  
Daniel Berset · Visages, 2011-2012, Tempera auf Holz, 26 x 26 x 2 cm, Courtesy Anton Meier


Am bekanntesten sind zweifellos Daniel Bersets (*1953) Stuhlobjekte, darunter das Mahnmal für die Landminenopfer mit den beschädigten, umgekippten Stühlen vor dem Palais des Nations in Genf. Nun aber ist er ganz neu zu entdecken! Geheimnisvoll ist ihm ein Ratschlag seines Lehrers John Wormell an der einstigen Hornsey School of Art in London zum Schicksal geronnen: «Bearbeite während 20, 30 Jahren das Schwarzweisse und eines Tages wirst du zur Farbe zurückkommen.»
Seine aktuelle Schau hat Berset mit einer Zeile von Holzvierecken bestückt, auf denen er in Tempera nichts weniger als ‹Gesichter› hervorgebracht hat. In Kursen zur Ikonenmalerei bei einer zufällig wieder getroffenen Freundin aus Kindertagen, aber auch durch Studien der italienischen und flandrischen Tafelmalerei, eignete er sich in den letzten Jahren diese aufwändige und schwierige Technik an. Gleichzeitig verlor er bei der ausgiebigen Kopierarbeit seine bisherige gestalterische Askese.
Bersets ‹Visages› faszinieren durch den Respekt und die Subjektivität, mit der er sich seinen Modellen angenähert hat. Sie schlagen die Brücke von einer alten, christologisch begründeten Bildtradition in die Gegenwart. Dem Künstler ging es bei seinen Bildnissen nicht um universale Wahrheiten über den Menschen oder um die Darstellung der Essenz eines bestimmten Individuums. Er ist vielmehr davon ausgegangen, wie ihn gewisse Gemütszustände von Freunden und Bekannten berührten, wie sich diese durch subtile Verwandlungen ihrer Morphologie mitteilten: Es sind Momente des leisen Staunens, des sanften Einfühlens, des sorgfältigen Geniessens, des feinen Überprüfens, Momente vielleicht, in denen das Stück Freiheit im Alltag ausgekostet wird, das uns gegeben ist. Bis er diese Gesten erfasst und aufgezeichnet hatte, verlangte er seinen Modellen oft lange Sitzungen vor der Kamera ab.
Die plastischen Qualitäten des Antlitzes hat Berset bei der Übersetzung dieser Studien in die Malerei denn auch stets veristisch wiedergegeben. Schon das Fleisch bebt und pocht in der Regel in intuitiv assoziierten Tönen und die Kleider und die Haare haben sich sogar oft in ein abstrakt strukturiertes oder sogar flächiges Farbfluidum verwandelt. Vor bestimmten «Gesichtern» bin ich lange stehen geblieben; andere haben mich weniger in Bann gezogen. Die weitgesteckte Ausstellung enthüllt eine so atemberaubende Entwicklung, dass wir gespannt sein dürfen auf die künftige Arbeit dieses neu geborenen Malers.

Bis: 02.02.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Daniel Berset [08.11.12-02.02.13]
Institutionen Anton Meier [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Daniel Berset
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