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Besprechung
1/2.2013


Yvonne Ziegler :  Im Museum im Bellpark präsentiert Jean-Frédéric Schnyder derzeit eine zugleich rätselhafte und vertraute Welt der Enge. Frühe Holzobjekte und jüngste Schnitzarbeiten spannen den Bogen vom Bündner Modellhäuschen für Vögel bis zur filigranen Schnitzarbeit eines Holzkorbes aus einem Stück.


Kriens : Jean-Frédéric Schnyder


  
links: Jean-Frédéric Schnyder · Sinnbild, 2010, Kastanienholz, Kerze, Courtesy Museum im Bellpark Kriens
rechts: Jean-Frédéric Schnyder · Tessinerstühle, 2010, Kastanienholz, Courtesy Museum im Bellpark Kriens


Man sagt Jean-Frédéric Schnyder (*1945, Basel) nach, er arbeite sich so lange in eine neue Technik ein, bis er sie wirklich beherrsche, um sich dann einer anderen zu verschreiben. Momentan ist es die Schnitzkunst, in der er Meisterschaft erwirbt, um dann von hier aus künstlerische Fragestellungen aufzuwerfen. Eine viereckige Basis, in der vier lose Vierkantklötze stecken, wirkt mehr als banal - nicht so bei Schnyder. Dieser hat sie so glatt und sorgfältig von Hand geschnitzt, dass man denken könnte, sie seien eben mal schnell mit der Maschine zugesägt worden. Im gleichen Raum liegen auf unterschiedlichen Sockeln würfelförmige längliche Holzbalken. Was zusammengesteckt erscheint, ist aus einem Kastanienast geschaffen, das Ondulieren der verschiedenen Teile demnach im Kopf konzipiert und mit dem Schnitzmesser ausgeführt.
Nebst diesen Meisterstücken, die der Künstler auf neugierige Fragen hin, was er denn schnitze, augenzwinkernd «Tessinerstühle» nannte, zieht eine dorische Tempelfassade den Blick auf sich. Ihre Rundsäulen sind durch winzige Cognacflaschen ersetzt; auf dem Giebel thront ein Schnapsglas - wohl ein Denkmal für eine Kennerschaft im weiteren Sinne. In Schnyders Werken blitzt reichlich Schalk auf. Per Anleitung kann man seinen Baukasten einer Bauernstube aufbauen, bei der die Leiter hinterm Haus und der am Gebäude versteckte Schlüssel ebenso wenig fehlen wie der urchige Holztisch, die Pfeife und das Kreuz. Ausser einer kleinen erloschenen Kerze, ein der Stilllebenmalerei entnommenes Vanitasmotiv, ist alles aus Holz. Wie in seiner Malerei, in welcher er angesichts von Autobahnen und Sonnenuntergängen den Topos der romantischen Landschaftsmalerei befragt, so spielt auch in den Schnitzarbeiten Kunstgeschichte eine Rolle.
Normierung, bedrückende Enge und soziale Kontrolle kennzeichnen schliesslich ein aus lauter Gefängnissen für Champagnerkorken bestehendes ‹Dörfli›, während ein Corso aus 16 Schnapsflaschenfuhrwerken veraltete Rituale sozialer Repräsentation vergegenwärtigt. Auch die moderne Medienwelt nimmt er aufs Korn, wenn das über dem Sofa hängende Segelschiffbild der Simpsons zum bunten Holzrelief wird oder zwei Schwarzwaldklinikteller auf Unterschiede hin betrachtet werden sollen. Schnyder führt offensichtlich gerne aufs Glatteis und krempelt die Wertigkeiten zwischen High und Low um.

Bis: 17.02.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Jean-Frédéric Schnyder [24.11.12-17.02.13]
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Jean-Frédéric Schnyder
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