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Besprechung
1/2.2013


Sarah Merten :  Die erste institutionelle Einzelausstellung von Jonas Etter ist ein temporäres Materialarchiv der besonderen Art. In seinen Arbeiten stellt er werkstoffimmanente Eigenschaften auf die Probe und behauptet mit Umformungen herkömmlicher Verwendungszwecke nichts Geringeres als neues Materialwissen.


Langenthal : Jonas Etter, ‹Material Ranking›


  
links: Jonas Etter · Stairs, 2012, Ölsand; Materialranking I-II, 2009/2010/2011, Tusche auf Papier, je 100 x 70 cm, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Martina Flury Witschi
rechts: Jonas Etter · Slipery Slope, 2012, Teer, Masse variabel; Flambé, 2012, Tusch auf Aluminium, diverse Masse, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal. Foto: Martina Flury Witschi


Noch im erhabenen Treppenhaus ragt er aus der Wand und stellt sich quer; ein rostroter Block aus gepresstem Ölsand. Stufenweise verringert, schiebt er sich durch die Mauern und findet seine Fortführung in den beiden dahinterliegenden Ausstellungsräumen. Sprengkraft und Kompaktheit aber sind vorgetäuscht, das üblicherweise für Metallgussformen verwendete Material würde bei der kleinsten Berührung zerbröseln. Ablesbar an ‹Stairs›, dem zentralen Werk der Ausstellung, ist die Strategie, welche den meisten von Jonas Etters (*1981) Arbeiten innewohnt: Die zu seiner geläufigen Handhabung diametrale Verwendung von Material und das damit provozierte Spiel von Dualitäten. Durch Zweckentfremdung und formalästhetische Reduktion werden optische und haptische Wirkungen der Werkstoffe überhöht, bei gleichzeitiger Neubenennung der materialspezifischen Eigenschaften.
Selten etwa hat Aluminium verführerischer geschimmert als in ‹Contrefort III›, wo Dutzende aus der fragilen Folie gefaltete Hohlprofile gegen die Wand lehnen. Sie übernehmen keine Stützfunktion, wie es etwa der Titel suggeriert, sondern sind im Gegenteil an der Grenze des Realisierbaren. Selbst behutsame Schritte lassen die flexiblen Stangen erzittern. Auch wenn es dieser sowie weiteren Arbeiten gelingt, die eigene Fragilität zu überwinden, lässt sich ein anderes Gesetz nicht einfach negieren - die Schwerkraft. Jonas Etter macht sich das unabdingbare Prinzip geschickt zu Nutze und setzt seine Arbeiten häufig konstanten Deformationsprozessen aus. Wenn sich etwa in ‹Slippery Slope› massige Asphaltkeile - lagenweise übereinandergeschichtet - durch ihre eigene Weichheit zärtlich aneinanderschmiegen, verhilft die Schwerkraft dem wuchtigen Baumaterial so zu einem ungesicherten Eigenleben. Gut möglich, dass im Laufe der Ausstellung das eine oder andere Stück der prekären Schieflage nicht mehr standzuhalten vermag. Materialbedingte Vergänglichkeit ist auch ‹Fountain› eingeschrieben. Einer Wunde gleich tropft Glukose zähflüssig aus der Decke. Für einen kurzen Moment formt sich der Tropfen auf dem darunter platzierten Sockel zur Miniskulptur, um sogleich in der Masse zu versinken.
In ihrer materiellen und formalen Breite wehrt sich diese kohärente Ausstellung mit jeder Arbeit gegen die Idee von unveränderlichen Zuständen und eindeutigen Festschreibungen. Sie hinterfragt damit nicht zuletzt die konservatorischen Bedingungen der ihr eigenen Werke.

Bis: 27.01.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Jonas Etter, Daniel Schwartz [28.11.12-27.01.13]
Institutionen Kunsthaus Langenthal [Langenthal/Schweiz]
Autor/in Sarah Merten
Künstler/in Jonas Etter
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