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Besprechung
1/2.2013


Roberta, De Righi :  Roni Horn hatte ihre erste internationale Einzelausstellung 1980 im Münchner Kunstraum. Ingvild Goetz kauft seitdem ganze Werkgruppen der amerikanischen Bild-Literatin an. Jetzt zeigt die Sammlung Goetz eine von Roni Horn selbst konzipierte, sehr konzentrierte Präsentation von betörender stiller Schönheit.


München : Roni Horn


  
Roni Horn · You are the Weather, 1994-96, 36 Schwarz-Weiss-Fotografien, 64 Farbfotografien, 100-teilig, Courtesy Sammlung Goetz ©ProLitteris


Wenn man von Island aus aufs Meer blickt, kann man den nördlichen Polarkreis sehen. Das heisst, sichtbar ist er eigentlich nicht, aber dennoch vorhanden. Der Polarkreis sei dort «präsent, aber unsichtbar» beschreibt Roni Horn die Faszination für ihre Wahlheimat im hohen Norden. Und im Grunde verhält es sich mit dieser Realität an der Grenze des Wahrnehmbaren wie mit einem guten Kunstwerk: Die Idee ist darin verborgen, wird aber durch die äussere Gestalt spürbar.
Horns Kunst basiert auf ihrer Fähigkeit zur höchst facetten- und nuancenreichen Wahrnehmung - und offenbart sich in deren sensibler Übersetzung in das Medium von Bild und Sprache. Das Ergebnis sind meist Fotografien, meist zusammengesetzt zu raumgreifenden Foto-Installationen sowie Text-Skulpturen, Zeichnungen, Texte und Bücher. Island, wohin es Roni Horn seit ihrer Jugend immer wieder zieht, ist in vielen Werkzyklen Hauptgegenstand ihrer Wahrnehmungs-Studien. Die Insel ist wie ein Extrakt des Elementaren, in dem sich Landschaft und Witterung, Licht, Luft, Feuer und Wasser in hoher Konzentration und Reinheit verdichten.
In einer ihrer bekanntesten Arbeiten, der 100-teiligen Fotoserie ‹You are the Weather›, die zwischen 1994 und 1996 entstand, wird das Gesicht der jungen Isländerin Haraldsdottir zum Ort, der sich mit dem wechselnden Wetter minimal verändert. Roni Horn zeigt die junge Frau in der Nahaufnahme; diese steht stets in einem der vielen Wasserbecken Islands, doch die Fotografien zeigen nur ihr Gesicht. Nebel, Regen, Schnee oder Sonne werden darin wie in einem Spiegel nur durch die veränderten Lichtverhältnisse spürbar. Verblüffend, dass diese Frau, als die Künstlerin sie zehn Jahre später für ein Buchprojekt noch einmal porträtiert, kaum gealtert erscheint.
Elementar wirken auch die frühen Papierarbeiten: ‹Just›, ‹That›, ‹Must›, in denen Farbe und Papier zur Form werden. Subtiler Humor steckt in den Foto-Drucken von 1998-2007, die Krähen, Eulen und andere Raubvögel als Bildnisbüsten - allerdings von hinten - zeigen. Die fast menschlich anmutende Individualität dieser Tier-Porträts ist dennoch von erstaunlicher Präsenz. Kaum überraschend ist, dass sich Roni Horn immer wieder auf die literarische Einsiedlerin Emily Dickinson bezieht, in deren Werk ebenfalls die Wahrnehmung der Natur im Mittelpunkt stand. So materialisieren sich deren Verse in den zartgliedrigen Text-Skulpturen ‹White Dickinson›, 2007, zu ­fragilen, aber äusserst ausdrucksstarken Wort-Monumenten.

Bis: 31.08.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Roni Horn [03.12.12-31.08.13]
Institutionen Sammlung Goetz [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Künstler/in Roni Horn
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