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Besprechung
1/2.2013


Yvonne Ziegler :  Warme, lichte Farben prägen die ruhigen Fotografien Yto Barra­das. Ihre schlichten Aufnahmen von Menschen, Interieurs, Natur und Stadt entspringen einer gesellschaftlich engagierten Haltung, der es sich durch Einsehen und Lesen zu nähern gilt. Es sind subtile Bilder nordafrikanischer Realität.


Winterthur : Yto Barrada, ‹Riffs Riffs›


  
links: Yto Barrada · Couronne d'Oxalis (Sauerkleekranz), 2006, C-Print, 125 x 125 cm, Courtesy Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut
rechts: Yto Barrada · Restaurant, Villa Harris (2), 2010, C-Print, 125 x 125 cm, Courtesy Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut


Die marokkanisch-französische Künstlerin Yto Barrada (*1971, Paris) stammt aus einer politisch aktiven marokkanischen Familie. Ihr Grossvater wurde entführt, ihre Eltern mussten für eine Weile das Land verlassen und studierten in Frankreich. Barrada erlaubte ihre doppelte Staatsbürgerschaft, frei zu reisen. Sie studierte in Paris und New York, lebte in Palästina. Diese Möglichkeiten stehen vielen ihrer Landsleute seit dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens und der damit einhergehenden Schliessung der europäischen Aussengrenzen seit 1995 nicht mehr offen. Tanger, an der Meerenge von Gibraltar gelegen, die an der schmalsten Stelle nur 14 km vom europäischen Kontinent entfernt ist, wurde seither zum Ort des Wartens und der Hoffnung. Barradas Bilder von festsitzenden Menschen machten sie Ende der Neunziger bekannt. Im Fotomuseum sind Arbeiten der letzten zehn Jahre zu sehen, die sich mit den rasanten Veränderungen von Tanger auseinandersetzen.
Die Künstlerin nimmt diese von den Randzonen her in den Blick, schaut auf die Nahtstellen zwischen Stadt und Natur. Es entstanden Fotografien, die denen der New Topographics verwandt sind. Vielerorts wurden Neubauten hochgezogen, die als unvollendete Ruinen endeten, um die sich nun Verpackungsmüll sammelt. Vom Verfall eines früher prosperierenden internationalen Austausches erzählen zwei Fotografien des Restaurants Villa Harris, dessen Inneres vollkommen verwüstet ist.
Manche Spuren besitzen eine poetische Anmutung: Der Blick durch von Vegetation umsäumte Mauerreste auf Stadt und Meer, Abdrucke eines Balls an einer Wand oder ein leerer Kinoleuchtkasten. Immer wieder sieht man Bäume, an die sich Menschen schmiegen, deren Floss gestrandet ist und die dem Untergang trotzen. Von Bäumen bewachsene Grundstücke dürfen in Tanger nicht bebaut werden. Mit der Filmkamera verfolgte Barrada die Rettungsaktion einer Dattelpalme, die verletzt wurde, damit der Eigentümer sein Bauland verkaufen kann. Auch filmte sie einen alten Zauberer und erzählt anhand eines Kaleidoskops fremder Amateurfilme ihre Familiengeschichte. Diese Arbeiten sind im Kontext ihres Engagements für den Wiederaufbau des Cinéma Rifs und einer Cinémathèque entstanden. Zu den einprägsamsten Bildern gehören sicherlich der sitzende Junge, der einen gelben Sauerkleekranz auf dem Haupt trägt, und das Mädchen, das auf Treppenstufen sitzend eine Libelle beobachtet. Sie strahlen gelassenes Sosein aus. An diesem Ort scheint es keine Hektik zu geben.

Bis: 10.02.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Yto Barrada [02.12.12-10.02.13]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Yvonne Ziegler
Künstler/in Yto Barrada
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