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Besprechung
1/2.2013


Gisela Kuoni :  Bei grossen Arte Povera Ausstellungen wie derjenigen im Kunstmuseum Basel fehlt Marisa Merz regelmässig. Doch in ihrer ersten Galerieausstellung in der Schweiz zeigt jetzt die einzige namhafte Vertreterin dieser Kunstrichtung beeindruckende Arbeiten aus den Achtzigerjahren bis heute.


Zuoz : Marisa Merz


  
Marisa Merz · Untitled, 2010-12, mixed media, 77 x 54 x 13 cm, Courtesy Galleria De Cardenas, Zuoz


Gleich beim Betreten der Galerie begegnen wir einem grossen, ernsten, enigmatischen Porträt. Man hält inne vor diesem Bild, aus dessen farbiger Fläche aus Tempera und Wachs ein Frauenbildnis auftaucht, die Oberfläche narbig wie ein Relief, tiefgründig und aus mehreren Materialschichten herausgewachsen. Dieses geheimnisvolle Farbenspiel überspannen feine, glänzende, an derben Nägeln befestige Kupferfäden. Diese sind locker verknüpft und bieten dem Gesicht Schutz und Distanz.
Einem Netz aus Kupferfäden begegnen wir ein weiteres Mal. Wieder ist es ein Gesicht, ein Oval mit angedeuteten Augen, mit leuchtend rotem Mund, lose in einem Holzrahmen über einer spiegelnden Fläche fixiert, über dem ein feines Gestrick aus dünnem Kupferdraht wie ein Vorhang herunterhängt. Man denkt an eine Partitur. Öffnungen wie Augenschlitze bieten Einblick, ziehen an, wehren aber zugleich jede Nähe ab. Dann, ganz alleine auf einer Wand, ein weiteres Porträt in Seitenansicht, titellos, wie alle Arbeiten, und dennoch höchst beredt. Aus einem mächtigen Quadrat zeichnet sich in tiefen Blautönen in Paraffin und Farbe das Gesicht. Metallpunkte setzen Akzente: glänzende Rappenstücke in den Augen, Spielmünzen an den Wangen und eine kreisförmige Blattgoldapplikation am Bildrand - kostbar, doppelsinnig, symbolisch aufgeladen, rätselhaft.
Diese archaischen, anonymen und so eindringlichen Gesichter entstehen aus der völligen Reduktion auf die äussere Kopfform, ohne Haare, auf Augen, manchmal durchdringend, manchmal abwesend verschleiert. Die Gemälde präsentieren sich meist in klaren quadratischen Formen und intensiver, wenn auch reduzierter Farbigkeit. Daneben gibt es kleine Skulpturen aus ungebranntem Ton, glatt polierte Köpfe mit angedeuteten Gesichtern, in Bleifolie eingebettet, mit Blattgold verzaubert, auf hochbeinigen Podesten. Schliesslich sind da noch die Zeichnungen, wundersame Geflechte feinster Linien, klar und streng und dann wieder verschwommen, tänzerisch, mit Worten und Details durchsetzt, dicht und transparent. Sie lassen Gesichter ahnen, Frauenbildnisse, eine Spur weist zu Meret Oppenheim, eine zu Miriam Cahn. Sind es überhaupt Gesichter? Porträts, gar Selbstporträts? Oder sind es geschlechtslose archaische Antlitze, über das Persönliche hinausführende Sinnbilder für menschliche Wesen? Marisa Merz verrät den Hintergrund ihrer Empfindungen nicht, doch sie beunruhigt und verwirrt, sie zieht an und bezaubert.

Bis: 08.02.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Marisa Merz [08.12.12-08.02.13]
Institutionen Monica De Cardenas [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
Künstler/in Marisa Merz
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