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Besprechung
1/2.2013


Heidi Brunnschweiler :  Kunst als Entzauberung der Welt ist das Programm von Latifa Echakhchs aktueller Präsentation, in welcher sie Zirkus-Requisiten als minimale Ensembles lose in den Austellungsräumen verteilt. Das sonst überwältigende Spektakel tritt uns so stillgestellt als Metapher einer sensationsgierigen Zeit entgegen.


Zürich : Latifa Echakhch,


  
Latifa Echakhch · Untitled (German Wheel and Two Figures), 2012, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Lena Huber


Nur die bunten Farben und die Artistenkostüme erinnern an das tosende Treiben, dem Latifa Echakhch die Gegenstände ihrer skulpturalen Inszenierung entnommen hat. Die atemberaubend schnelle Welt des Jonglierens, Domptierens und der Akrobatik erscheint seltsam starr und im grellen Licht ernüchternd. Weisse Keulen liegen leblos in einer Ecke und die einst wirbelnden Stühle sind in labilem Gleichgewicht zur statischen Skulptur geronnen. Die gelb-rot gestreifte Plane eines Zirkuszelts ist bewegungslos um den Treppenaufgang drapiert. Selbst der sonst von emsigen Füssen bewegte Akrobatikball ‹Untitled (One Figure and a Ball)› und das Schwungrad ‹Untitled, (German Wheel and Two Figures)› verharren in gefrorener Pose. Der dynamische Sprung einer exotischen Raubkatze ist als schwache Tatzenspur auf zwei Sechseck-Podesten fixiert, ‹Untitled (Two Figures and Fauve)›.
In Echakhchs Show ‹Goodby Horses› wurden die Pferde buchstäblich verabschiedet und von der Manegenbegrenzung ist nur noch ein Segmentbogen mit zwei schludrig hingeworfenen Clownskostümen zurückgeblieben. Auch die übrigen Akteure scheinen ihr Dress hastig abgestreift und die Szene fluchtartig verlassen zu haben, ihre Paillettenkleider, Strümpfe, Tanzschuhe oder Nylonanzüge liegen unordentlich auf den Geräten. Von der heiteren Gegenwelt des Zirkus, der wir in den Werken von Calder oder Léger begegnen, in der die bestehende Gesellschaftsordnung zumindest temporär durch Zauber, Spontaneität und körperliche Dynamik abgelöst wird, ist hier wenig zu spüren. Vielmehr wird der Zirkus zum dekonstruierten Bild einer von Höhepunkt zu Höhepunkt hastenden Eventgesellschaft, die von der kalkulierten Emotion und der Inszenierung des Blicks auf das Fremde lebt. Indem Echakhch das überwältigende Spektakel in eine Abfolge von stillgestellten Elementen zerlegt, enlarvt sie die effekthafte Inszenierung von Stereotypen und fixierten Rollen. Darauf spielt auch der Titel an: Im Horror-Thriller ‹Silence of the Lambs› tanzt der Serienmörder zum Song ‹Goodby Horses› und gibt sich in einer durchschaubaren Inszenierung der Verführung durch die Frauenkörper unreflektiert hin.
Nicht der Zirkus, sondern die Kunst stellt bei Echakhch eine insulare Sphäre der Normabweichung dar, welche die Bedingungen der conditio humana durchscheinen lässt, und sie verführt uns wie die beiden Clowns am Ende der Welt erneut zu einem philosophischen Gespräch über ihren Anfang.

Bis: 24.02.2013



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Ausgabe 1/2  2013
Ausstellungen Latifa Echakhch [16.11.12-24.02.13]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Latifa Echakhch
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