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Fokus
3.2013


 Die Frauenband Les Reines Prochaines, gegründet 1987, tourt mit ihrem Liveprogrammen durch ganz Europa. In der Mischung aus Performance, bildender Kunst und Musik voller Pathos, Ernst und Ironie feiert sie derzeit in mehreren Sparten Premiere: mit einem neuen Album, einem Live-Programm und einem Dokumentarfilm. Anlässlich einer solchen Portion LRP traf ich drei der vier Königinnen - Michèle Fuchs, Fränzi Madörin, Muda Mathis, Sus Zwick - zum Gespräch.


Les Reines Prochaines - Professioneller Dilettantismus


  
links: LRP performen ihr Live-Programm ‹Fest der Organe› im Restaurant Konter in Wetzikon 2007, mit dabei auch Barbara Naegelin (Performerin, Musikerin, Komponistin, Künstlerin; Mitglied bei LRP von 2003 bis 2008). Foto: Basil Stücheli
rechts: Kostbares Fotodokument: Fränzi Madörin und Teresa Alfonso (Performerin, Musikerin, Komponistin, Mitglied der LRP von 1987 bis 1989) bei einem der ersten Konzerte von Les Reines Prochaines 1988 in der Produga (Produzentengalerie) in Zürich.


Friedli: Im Dezember 2012 erschien im Patrick Frey-Verlag ‹Heute und danach - The Swiss Underground Music Scene of the 80's›. Anlässlich der Buchvernissage habt ihr von «Weitermachen als Wert» gesprochen und nahmt damit Bezug auf die vielen Bands, die in den Achtzigern gegründet, heute aber längst verschwunden sind. Warum gibt es euch noch immer?

Madörin: Wir haben herausgefunden, dass man sowieso da weiter macht, wo man künstlerisch steht, ob man den Bandnamen wechselt oder nicht, das Medium oder die Freundinnen, mit denen man zusammenarbeitet. Das Weitermachen ist wichtig, nicht nur, um etwas bestehen zu lassen, um darauf bauen zu können, sondern auch, um zusammen in einen Arbeitsfluss zu kommen, in ein langes, nie endendes Gespräch. Das ist ja das Aufwendige am kollektiven Arbeiten, es braucht Zeit für gemeinsame Erfahrungen. Diese machen das Kollektiv erst produktiv. Und es ging uns nie um den Traum der grossen Karriere. Es wurde von Projekt zu Projekt gearbeitet. Anstatt dem kompletten Abbruch gab es Wechsel.

Mathis: Und es fand ein Paradigmenwechsel statt. Nach dem Misstrauen allem Etablierten gegenüber, machte sich Neugierde an professionellen Strukturen breit.

Feminismus als Ehrensache
Auch heute noch ist der Feminismus für LRP aktuell. Wo wäre eine Gesellschaftskritik ohne den geschärften feministischen Blick?, fragen sie und erklären: «Wir freuen uns am unverkrampften unideologischen Interesse junger Frauen an feministischen Theorien und Praxen, auch wenn sie sich selbst nicht als Feministinnen bezeichnen. Sie beziehen sich auf feministische Diskurse und entwickeln diese weiter. Es gibt ja noch viele offene ungelöste Fragen. Gesellschaften verändern und verschieben sich dauernd und Frauen tragen viel dazu bei.» Feminismus muss also immer wieder neu erfunden und benannt werden, oder wie es LRP ausdrücken: «Es gibt nicht einen ­Feminismus. Es gibt viele verschiedene Feminismen!» Widersprüche und Unterschiede - die machen es überhaupt gut.

Friedli: Wenn ihr die zukünftigen Königinnen seid, wer kommt nach euch? In welchen jungen Frauen seht ihr Nachfolgerinnen?

Mathis: Ja, auf die warten wir! (lacht)

Zwick: Wir hatten immer gehofft, eine grosse Bewegung auszulösen. Aber wir stellen fest, dass das, was wir machen, auf unsere Leiber geschrieben ist. Auch wenn wir auf andere inspirierend wirken - die Energie, um etwas Vergleichbares zu schaffen, muss immer von der jeweiligen Person selbst kommen.

Am Rand
Zum Stichwort ‹Underground› heben die Königinnen ihre Verbundenheit mit dem Punk hervor. Ob sie heute noch als Untergrund zu bezeichnen sind, bezweifeln sie jedoch. Der Punk ist dabei nicht als Musikstil, sondern als Arbeitsweise zu verstehen. LRP dazu: «Wir würden unsere Position als ‹am Rand› bezeichnen. Am Rand fühlt man sich wohl. Die Erfahrung zeigt, dass man immer wieder aus dem Zentrum mit Zentrifugalkraft herausgeschleudert wird. Am Rand gibt es effektiv Platz, Luft, die nötige Distanz. In Wirklichkeit sind wir in Bewegung und an erstaunlich unterschiedlichen Orten zu Besuch. Sogar beim Mainstream, was per se kein besonders schöner Ort ist. Aber es ist auch immer wieder eine Aufgabe und heilige Pflicht, sich ins Zentrum zu robben.»

Friedli: Ihr zelebriert den professionellen Dilettantismus als künstlerisches Konzept. Wie funktioniert diese Mischung?

Madörin: Dilettantismus geht vom individuellen Vermögen aus, von dem, was ich mit meinen Mitteln formulieren kann, ohne Rücksicht auf Konventionen, Handwerk, Traditionen. Professionalität ist in etwa das Gegenteil: überlegt, geschickt, effizient. Es geht um die fruchtbare Balance von Naivität, Lust und durchdachtem Konstrukt.

Die Suche nach der Brache
Das Lustvolle erscheint bei LRP als methodisch produktive Ressource, vergleichbar mit der Wut im Punk. «Die Lust» - durchaus kein selbstverständliches Gut - «ist innerer Motor des handelnden Subjekts», so Mathis, «es ist wichtig, dass man Dinge macht, weil man es will.» Les Reines Prochaines gibt es seit 25 Jahren. Geprägt war die Gruppe von grosser Konstanz, ab und zu durchbrochen von kleinen Wechseln und Umbrüchen. Manche gingen weiter, andere kamen dazu. Fester Wert war immer das gemeinsame Produkt, die Energie resultierend aus dem Kollektiv.

Friedli: Als Kollektiv lebt ihr ein Prinzip, welches die verschiedensten Ausbildungs- und Lebenswege enthält. Heute schreit alles nach Bachelor und Master. Können eure Biographien motivierend für die heutige Generation sein?
Mathis: Bei uns gab es noch keinen BA und MA. Wir sind an diesem Punkt Kinder des damaligen Systems. Die Suche nach Feldern, die nicht engmaschig durchstrukturiert sind, ist wichtig. Dort gibt es Raum für Erfindung und Bewegung. Anstatt gegen die Wand, geht man um die Wand herum. Zu unserer Zeit begannen beispielsweise viele Künstlerinnen, so auch wir, Videokunst zu machen. Dies geschah unter anderem aus dem Grund, dass auf diesem Feld noch nicht alles festgeschrieben war, es garantierte Freiheit! Meine Empfehlung für die jüngere Generation ist die Suche nach der Brache, nach einem Ort, wo man atmen kann.

Kollaboration und Autorinnenschaft
Als Autorinnenband steht bei LRP die individuelle Äusserung im Mittelpunkt. ­Jedes Bandmitglied übt seine künstlerische Freiheit aus, beansprucht Raum für den eigenen Ausdruck, dessen Ursprung auch im Endprodukt zugeordnet werden kann. Aus der bildenden Kunst kommend, übertragen LRP das Prinzip der Autor­innenschaft auf ihre Musik. Ebenso wichtig ist aber der kreative Prozess im Kollektiv.

Mathis: «Viele schrecken vor einer Zusammenarbeit zurück. Vielleicht, weil sie nicht wissen, wie es geht, und weil sie diese soziale Kompetenz nicht geübt haben. Und dann braucht es Zeit und Engagement, ohne Garantie auf Erfolg. Doch der Versuch lohnt sich allemal! Oft denke ich, hey du mit deiner Kapazität, mit deinen Wünschen, deinen Energien - schliess dich mit anderen zusammen!»

Friedli: Ist die permanente Kollaboration kein Widerspruch zur Idee der Autorinnenschaft?

Madörin: Das eine bedingt das andere. Ohne die Ideen und die kreative Kraft der Einzelnen kann sich im Kollektiv nichts entwickeln. Es geht um die gemeinsame Formfindung, um den Spass, sich davon überraschen zu lassen, was so alles mit einer Idee, einem Text, einer musikalischen Phrase im Prozess passieren kann.
Und so fügt sich das Gesamtkunstwerk LRP zusammen - wenn eben ‹einfach gemacht wird›, wenn jede für sich auf der Bühne steht und doch alle an einem Strick ziehen.

Lena Friedli, Kunsthistorikerin und Co-Präsidentin Ausstellungsraum Klingental, lebt und arbeitet als freischaffende Kuratorin in Basel. lena.friedli@gmail.com



Bis: 05.04.2013


Stationen der LRP-Tour in der Schweiz: Sommeri, Löwenarena, 16.3.; Zürich, Helsinkiclub, 23.3.; St. Gallen, Kellerbühne, 30.3.; Thun, Café Mokka, 5.4. kontakt@reinesprochaines.ch
Album: ‹Blut›. Mit Musik und Texten von Les Reines Prochaines: Fränzi Madörin, Muda Mathis, Michèle Fuchs, Sus Zwick, Barbara Naegelin sowie Sibylle Hauert als Gastmusikerin. Produzent und Schlagzeug: David Kerman. CO-Produzenten: Frizz Rickenbach, Johannes Vetsch, Tonengineering.
Film: ‹Les Reines Prochaines - alleine denken ist kriminell›, von Claudia Wilke. In verschiedenen Kinos der Deutschschweiz.
Buch: ‹Heute und danach - The Swiss Underground Music Scene of the 80's›, Hg. von Lurker Grand und Andre Tschan. Texte von Wolfgang Bortlik, Alain Croubalian, Michael Lütscher und Sam Mumenthaler. Edition Patrick Frey, Zürich, 2012.



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Ausgabe 3  2013
Künstler/in Les Reines Prochaines
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