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Fokus
3.2013


 Mathieu Kleyebe Abonnenc durchforscht in seiner Arbeit als Künstler und Kurator historische, künstlerische, ökonomische und persönliche Archive und befragt den Ort der Kunst, die Rolle des Künstlers und die Bedingungen von Gemeinschaft. Auf unterschiedliche Weise und in der Sprache verschiedener Medien lassen sich seine Arbeiten als Aneignungs- und Transferprozesse diskutieren. Die Kunsthalle Basel präsentiert seine erste Schweizer Schau, der Kunstverein Bielefeld zeigt zeitgleich eine Einzelausstellung.


Mathieu Kleyebe Abonnenc - Zirkulation, Musik und ein verrückter König


von: Maja Naef

  
links: Evil Nigger, Gay Guerrilla, Crazy Nigger, for Julius Eastman, 2012/2013, 4 Konzertflügel, Partituren
rechts: 7 Contracts, for M.A., 2013, Installationsdetail 3 Bronzeskulpturen, 7 Verträge, Masse variabel, A4


Vier Konzertflügel stehen symmetrisch einander zugewandt im Oberlichtsaal der Kunsthalle Basel. So simpel diese Anordnung wirkt, so eindringlich ist die Vorstellung des Klangs in diesem hohen teppichlosen Raum. Hier lässt Mathieu Kleyebe Abonnenc sieben Pianisten aus Basel unter der Leitung des Pariser Dirigenten Jean-Christophe Marti drei Kompositionen des Afroamerikaners Julius Eastman (1940-1990) aufführen. Während der Ausstellungsdauer finden je vier Konzerte der Stücke ‹Evil Nigger›, 1979, (21:29), ‹Gay Guerrilla›, 1979, (28:59) und Crazy Nigger›, 1980, (55:00) statt. An jeweils drei Wochentagen wird geprobt. Während dieser Proben wird aber nicht nur geübt, die Kompositionen werden diskutiert. Die Proben machen den Prozess dieser Aneignung sichtbar, sie zeigen den zeitgenössischen Umgang mit diesem kaum gespielten musikalischen Werk, aber auch die Arbeit der Musiker, die Interaktion zwischen ihnen und dem Dirigenten. Abonnenc hat dieser «New Music» Eastmans zugestanden, ein Schlachtfeld - «un champ de bataille» - zu orchestrieren: agressiv, direkt, poetisch und kraftvoll. In den Siebzigerjahren gehörte der Komponist, Sänger, Pianist und Tänzer Eastman der Creative Associates an der State University of New York, Buffalo, um Morton Feldman an. Einige seiner frühen Stücke wurden in den Siebzigerjahren von der renommierten Brooklyn Symphony gespielt, doch bereits in den späten Achtzigern waren sie bis zur Veröffentlichung der DVD ‹Unjust Malaise› 2005, die den akribischen Recherchen der amerikanischen Komponistin Mary Jane Leach zu verdanken ist, kaum jemandem bekannt. Eastman war als homosexueller Afroamerikaner, der die politische Brisanz seiner Arbeit und seine exzentrische Erscheinung bewusst einsetzte, zu einer kontroversen Figur in der zeitgenössischen Musik geworden: «I could be a dancer, choreographer, painter, or any kind of artist if I so wished; but right thought, speech and action are now my main concerns.»1 In den Achtzigerjahren geriet Eastmans Leben ausser Kontrolle. Seine New Yorker Wohnung wurde zwangsgeräumt, wobei auch ein Grossteil seines musikalischen Werks verschwand. Zeitweilig lebte er im Tompkins Square Park in New York, ehe er 1990 verstarb; der offizielle Nachruf von Kyle Gann erschien erst acht Monate später.

Signal der Solidarität
Die ‹Nigger Series› gelangte 1980 an der Northwestern University in Chicago zur Aufführung. Ihre provokativen Titel schürten Konflikte; Anzeigen der Konzerte in den örtlichen Zeitungen warnten vor möglicherweise anstössigem und «specific racial» Material. Schliesslich wurde an einem Treffen zwischen Eastman und der grössten universitären Vereinigung afroamerikanischer Studierender der Kompromiss ausgehandelt, die Titel von Postern und Konzertprogrammen zu entfernen und sie stattdessen mit ‹New Music for Four Pianos› zu ersetzen. Allerdings wurde dem Komponisten zugestanden, dass er zu Beginn der Konzerte die Titel erläutern kann. Er sagte, und das gewiss nicht ohne Ironie: «I admire the name ‹nigger›. It's a strong name. I feel that it's a name that has a historical importance and even protects blacks. What I mean by niggers is, that thing which is fundamental; that person or thing that attains to a basicness or a fundamentalness, and eschews that which is superficial, or, we could say, elegant.»2 ‹Nigger› ist Schimpfwort und Provokation, aber in den Siebzigerjahren auch Signal der Solidarität. Das Wort wurde einerseits aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannt und wanderte andererseits durch Rap und Hip-Hop in den Mainstream der Popkultur. Es ist aber nicht nur die Semantik, die für unterschiedliche politische Strategien eingesetzt werden kann. Der afroamerikanische Intellektuelle Cornel West meinte sogar, der Rhythmus des Worts zeuge von der Geschichte der Afroamerikaner. Die Uraufführung von Eastmans Stücken fand jedoch in einem Quartier statt, das sozial und geographisch weit entfernt vom kulturellen und politischen Zentrum des afroamerikanischen Chicago, der «Southside», liegt. Die Northwestern University befindet sich in einem der wohlhabenden Vororte im Norden und ist durch und durch «weiss».
Bei solchen Widersprüchen setzt Mathieu Kleyebe Abonenncs Arbeit an. ‹For ­Julius Eastman›, 2012/13, handelt von einer doppelten Geste: Abonnenc eignet sich Eastmans Stücke an, ohne ihnen das Label «bildende Kunst» aufzudrücken. Er zeigt die Musik als das, was sie ist: Er lässt sie spielen. Ihr eigentlicher Ort wäre der Konzertsaal. Aber da sie nicht Teil des Repertoires ist, gelangt sie in den Kunstraum, der die räumlichen Bezüge zwischen Instrumenten, Publikum und Klang besonders hervorhebt, Eastmans Werk jedoch nicht zur «Installation» macht.

Transfer und Neubewertung
Transfer und symbolische Neubewertung sind grundlegende Strategien, derer sich Abonnenc bedient: Während das Publikum Eastmans Komposition zuhört, kann es im angrenzenden Raum vier (von fünf) dünne, an die Wand gelehnte Kupferstäbe sehen. Sie wurden aus fünfzehn Kilo Kupfer fabriziert, das aus eingeschmolzenen Kreuzen aus Katanga stammt. Über Jahrhunderte hinweg wurden diese wertvollen Kreuze von zentralafrikanischen Gesellschaften als Zahlungs- und Tauschmittel verwendet und sie trugen auch symbolischen Wert als Insignien der Würde und der Macht. Abonnenc hat solche Kupferkreuze auf eBay erworben, um sie in einer Giesserei im englischen Sheffield, einer ehemals bedeutenden Industriestadt, einschmelzen und umgiessen zu lassen. Der Titel ‹Untitled (bodies in a pile)›, 2012, entstellt ihre neutrale minimalistische Ästhetik und evoziert vor dem Hintergrund ihrer Entstehungsweise Verbindungen zwischen mehreren historischen Momenten und verschiedenen Ökonomien: Tatsächlich haben die Belgier bei ihrer Ankunft im Kongo um 1900 derartige Kreuze geraubt und das Kupfer nach Belgien verschickt, um es dort für die Industrie zu nutzen. Dass Abonnenc sich handliche Kupferkreuze aneignet und in Stäbe transformiert, macht einen weiten Raum auf, der von der Anspielung auf die Avantgarden bis zur Vereinnahmung ausser-europäischer Objekte reicht. Er verdreht gewissermas­sen die Zirkulation der Kunst, indem er diesen Sammlungsgegenstand umschmilzt und entwertet. Auf diese Weise klinkt Abonnenc sich mit seiner Kunst immer wieder in Transfers ein, die auf Verarmung und Zerstörung basieren, und setzt sie in einer mimetischen Geste fort. Die Kupferkreuze werden gewissermassen in den Rohstoff «Kunst» verwandelt: in simple, arbiträre Kunstformen.
Den Stäben gegenüber befinden sich drei Kleinplastiken. Diese sind direkt am Boden nahe der Wand platziert. Es handelt sich um Objekte aus Bronze - ein Hund und zwei geflügelte Figuren -, welche die Mutter des Künstlers verpfänden musste. Abonnenc führt diese Transaktion weiter, indem er die Kunsthalle diese drei Objekte sowie weitere Schmuckstücke zurückkaufen lässt, was die sieben Verträge in der Vitrine im angrenzenden Raum beglaubigen. Allerdings kann ‹7 contracts, for M.A.›, 2013, nicht als Kunst erworben werden; die Objekte sollen nach Ablauf der Ausstellung zurück zu seiner Mutter, das heisst auch: zurück nach Frankreich. ‹7 contracts, for M.A. › ist kein Werk, es entzieht sich der Ökonomie der Kunst und markiert einzig diesen Moment ihres Transfers.

Allegorie des Künstlers
Während Abonnenc den Oberlichtsaal mit Eastmans Musik als Ort der Begegnung und vielleicht sogar der Gemeinschaft bestimmt, nimmt die Ausstellung zugleich am ökonomisch erzwungenen Transfer von Gegenständen teil. Gerade weil er unterschiedliche Rollen einnimmt, gleichsam ungreifbar wird und in den Hintergrund tritt, macht der Künstler auf seine eigene Stellung aufmerksam: Von wo aus wendet er sich einem Künstler der afroamerikanischen Avantgarde, den imperialistischen Raubzügen und der wirtschaftlichen Notlage seiner Mutter zu? Wie verbindet seine Ausstellung diese unterschiedlichen künstlerischen und ökonomischen Motive? Der Ausstellungstitel - ‹Songs for a Mad King› - könnte einen Hinweis geben, auch auf das eigentümliche Pathos dieser Arbeit. Er bezieht sich auf ‹Eight Songs for a Mad King›, 1969, des Briten Peter Maxwell Davies, in dessen Mittelpunkt ein exzentrischer König steht, der den Singvögeln das Singen beibringen will. In einer Aufnahme von 1973 hat der Bariton Eastman die Rolle des verstörten Königs erfolgreich gesungen. Die Referenz auf das Musiktheater evoziert aber weit mehr als eine Hommage an Eastman, sie breitet vielmehr das Spannungsfeld aus, in dem sich Abonnenc selbst als Künstler bewegt. Er zeigt sich als Wiederentdecker, als Kurator, der sich kritisch auf Eastmans Kompositionen einlässt. Er beschäftigt sich mit Menschen, Werken, historischen Zusammenhängen und ökonomischen Grundlagen, die ihn stets in verschiedenen Rollen - des Sohns oder politischen Aktivisten - vorstellen. Was aber bedeutet es, dass er dies als Künstler tut? Deutet der Ausstellungstitel eine Allegorie des Künstlers an, will er sein Handeln in eine Parallele zum verrückten König setzen? Der Titel regt zur Reflexion darüber an, was es heisst, historische, künstlerische oder persönliche Motive, die an und für sich bedeutungsvoll sind, noch einmal als Kunst sprechen zu lassen.
1 Julius Eastman, press release for ‹Humanity and not Spiritual Things›, 30.1. 1981, The Kitchen NYC archives
2 ‹Julius Eastman. Unjust Malaise›, New World Records 2005
Maja Naef, Riehen/Basel, ist Kunsthistorikerin und -kritikerin. Email: maja.naef@gmail.com

Bis: 28.04.2013


Kunsthalle Basel, Proben und Konzerte unter Leitung von Jean-Christoph Marti, bis 24.3,
Bielefelder Kunstverein, bis 28.4.
Eastman-Project der amerikanischen Komponistin Mary Jane Leach



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Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Mathieu Kleyebe Abonnenc, Maryam Jafri [09.02.13-28.04.13]
Ausstellungen Mathieu Kleyebe Abonnenc [03.02.13-01.04.13]
Institutionen Kunsthalle Basel [Basel/Schweiz]
Institutionen Bielefelder Kunstverein [Bielefeld/Deutschland]
Autor/in Maja Naef
Künstler/in Mathieu Kleyebe Abonnenc
Link http://www.mjleach.com/eastman.htm
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