Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
3.2013


 Nicht Jonathan Meese mit seiner Mutter, sondern Hugo Reinhold Karl Johann Höppener, alias Fidus, mit der seinen, ist auf dem Bild zu sehen. Das Foto wurde 1889 aufgenommen, damals hatten Mutter und Sohn eine schwierige Zeit hinter sich. Meister Diefenbach war schuld daran.


Ansichten - Fidus mit Mutter


von: Brita Polzer

  
«Mit meiner Mutter - München 1889», Fidus (in Diefenbachtracht) Abb. aus «Fidus 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen». Janos Frecot, Johann Friedrich Geist, Diethart Kerbs (Hg.), München 1972.


Die beiden stehen einander herzlich zugewandt, wie eine Trutzgemeinschaft, den ernsten Blick nach aussen gerichtet. Fidus (1868-1948), damals 21 Jahre alt, wirkt wesentlich grösser als seine Mutter, dabei war er doch auffallend klein, wohl krankheitsbedingt. Steht er vielleicht auf einem Hocker, um die Grössenverhältnisse zurechtzurücken? Es heisst, er hätte seine Kleinheit ein Leben lang kompensieren müssen. Die Mutter hat ihre Haare erstaunlich hochgetürmt, sie spielte Klavier und pflegte den Gesang. Camilla war «überbegabt musikalisch» und sie war unglücklich, sie hatte ihren Mann, einen begnadeten Konditor, nicht heiraten wollen, schreibt ­Fidus' Nichte. Ihr Glück fand sie über ihren Sohn. Den hatten die Eltern aufgrund seiner Begabung früh auf die Münchner Akademie geschickt, aber schon nach drei Monaten lernte Hugo den Maler und Naturapostel Karl Wilhelm Diefenbach kennen. Während eines Besuchs in dessen Haus in einem Steinbruch bei München war ihm sofort klar, dass er bleiben und «hier helfen» müsse, «wie armselig erschien mir dagegen das bloss künstlerische Streben an der Akademie!».
Der Meister und einige Jünger lebten «in nackter Gemeinschaft» oder man trug weisswollene, gegürtete Kittel - die Diefenbachtracht. Die Behörden belästigten die ungewöhnliche Gruppe, wo sie nur konnten, es reichte zur Anklage, wenn sie das nackt in der Sonne herumgetragene neunjährige Diefenbachsöhnlein entdeckten. Die Künstler schmiedeten Pläne für Riesenbauten und Tempel. Fidus wollte später am Walensee für Josua Klein derartige Bauten errichten, daraus wurde leider oder glücklicherweise - nichts. Jetzt möchte der Jüngling, dass Schwester Alma zum Helfen kommt. Das schickt sich nicht, also kommt die Mutter, Camilla, und für sie bricht dort, in der künstlerisch lockeren Atmosphäre «die wahre Erfüllung an». Hilfreich bewerkstelligt sie den Haushalt für das Grüppchen und man schafft es, eine grosse Diefenbach-Ausstellung einzurichten. Allerdings ist der unleidliche Meister zunehmend unzufrieden mit seinem Jünger. Die Mutter versucht noch zu vermitteln, vergebens. Während sie an der Kasse der Diefenbachausstellung sitzt, schreibt sie in ihr Tagebuch: «Dief. nennt uns alle teuflische Menschen, mit denen er nichts mehr zu tun haben will, lieber will er allein untergehen.» Der Meister wird Fidus fürderhin Infidus nennen und er verbietet ihm das Tragen der Diefenbachtracht.


Heute nur noch in kleinen esoterischen Zirkeln präsent, war Fidus um 1900 einer der bekanntesten Maler Deutschlands. Er besuchte die Reformkolonie in Amden am Walensee und den Monte Verità, 1912 gründete er den Sankt-Georgs-Bund, der sich gegen den «Drachen des Materialismus» wenden sollte. 1932 trat er der NSDAP bei.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2013
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Fidus
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=130223165942B6N-4
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.