Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
3.2013


Daniel Morgenthaler :  Erhängt, erschossen, zerfetzt - die Bieler Malerin Valérie Favre beschäftigt sich seit zehn Jahren mit den unterschiedlichsten Techniken des Suizids. Die über 100-teilige Gemäldeserie, welche die Künstlerin auch als ultimative Freiheitsbejahung verstanden wissen will, ist nun in der Galerie Peter Kilchmann.


Zürich : Valérie Favre, ‹Paintings›


  
Valérie Favre · Jürgen Möllemann, gestürzt, 2008, Öl auf Leinwand, je 24 x 18 cm. ©ProLitteris. Foto: Thomas Strub


Wie man in die Welt kommt, das kann man nicht wählen. Wie man aus der Welt geht - da allerdings ist man vergleichsweise frei. Welche ganz unterschiedlichen Optionen es für den Ausgang gibt, zeigt die Malerin Valérie Favre (*1959) in einer 118-teiligen Serie kleinformatiger Gemälde in der Galerie Peter Kilchmann, wobei sie sich nur auf selbstgewählte Exits, also Suizide beschränkt.
Seit 2003 arbeitet die in Berlin lebende Bieler Künstlerin an dieser Serie, deren Format sich an einer normierten Abzugsgrösse analoger Fotografien orientiert. Gesammelt hat sie Todesarten wie «als Selbstmordattentäterin zerfetzt», «erhängt» (mit dem Beispiel Ulrike Meinhof), «vergiftet» (Kleopatra soll sich durch einen gezielten Kobra-Biss umgebracht haben) oder «mit dem Zug kollidiert». Die Malereien erheben weder den Anspruch, den Suizid naturalistisch darzustellen, noch frönen sie einer grell ausleuchtenden Sensationslust. Viele Szenen sind kaum zu erkennen, wären sie nicht mit Bleistift auf dem dunkelblau gemalten Band auf der Wand, das sämtliche Arbeiten zusammenhält, fein säuberlich beschriftet. Und auf die effekthascherische Farbe Rot hat Valérie Favre zugunsten eines in fast allen Arbeiten sichtbaren, milchigen Gelbs verzichtet.
Der Ausstellungsraum wird hier also nicht zum blutigen Gruselkabinett. Viel eher zeigt sich ein Paradox: In der seriellen Reihung manifestiert sich schon beinahe ­eine gewisse makabre Kreativität des Suizids. Natürlich besteht auch die Gefahr, dass das Einzelschicksal in den 117 anderen Todesarten bagatellisiert wird - um nicht gar mit einer weiteren hier vertretenen Todesart zu sagen: «erstickt». Dennoch fragt man sich bei dieser Diversität, weshalb es eigentlich in Deutsch «Selbstmord» heisst. Gibt es nicht auch Fälle, bei denen es sich eher um «Selbsttötung aus Notwehr» handelt, oder um «vorsätzliche Selbsttötung»? Und was denkt man, nachdem man einen solchen Suizid-Katalog studiert hat, über das Motiv von Nr. 17, «Euthanasie, begleitet»?
Beim Nachgrübeln über Sinn und Unsinn der Sterbebegleitung und über den Selbstmord als Ausdruck von ultimativer Selbstbestimmung und Kreativität sind dann die Gemälde in den beiden anschliessenden Galerieräumen - blumige grossformatige Stillleben und eine Serie, die sich mit Rotkäppchen auseinandersetzt - fast eher etwas hinderlich.

Bis: 23.02.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Valérie Favre [18.01.13-23.02.13]
Institutionen Peter Kilchmann [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Valérie Favre
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1302241014072QH-13
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.