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Besprechung
3.2013


Daniel Morgenthaler :  Sie haben schon das Abmontieren von Sonnenkollektoren vom Dach des Weissen Hauses dokumentiert. Nun thematisieren Hemauer/Keller im Kunstraum Walcheturm eine gegenläufige Demontage, die ihrem Programm des Postpetrolismus dafür umso mehr entspricht: Den Rückbau eines Erdölbohrturms in der Schweiz.


Zürich : Christina Hemauer und Roman Keller, ‹Days of an Elapsed Future›


  
Christina Hemauer und Roman Keller · Days of an Elapsed Future - Schwache Ölspuren im Sandstein, 2013, Ausstellungsansicht Kunstraum Walcheturm Zürich


So genau hat wohl selten jemand die Etikette seiner Levi's Jeans studiert. Als ob sie die Abbildung darauf als Handlungsanweisung verstanden hätten, liessen Christina Hemauer und Roman Keller (beide *1973) zur Eröffnung ihrer Ausstellung ‹Days of an Elapsed Future - Schwache Ölspuren im Sandstein› zwei Zugpferde antraben. Dazwischen wurden ein Paar Jeans gehängt, die Pferde machten einige Schritte - und schon waren die Hosen zerrissen. Jetzt liegen sie als Relikt in der Sandbahn im Ausstellungsraum, neben ein paar austrocknenden Pferdeäpfeln.
Spektakulärer könnte der Mythos der Unverwundbarkeit dieser Arbeiterhosen - und des Arbeiters - nicht demontiert werden. Demontage ist ohnehin ein wichtiges Stichwort für die Arbeit von Hemauer Keller. Und zwar im übertragenen wie im wörtlichen Sinn: Bei ihrer dokumentarischen Arbeit ‹A Road Not Taken› von 2011 rekapitulierte das Duo die aus heutiger Sicht sehr überraschende Story von Solarpanels auf dem Dach des Weissen Hauses. Eine Idee des energiebewussten US-Präsidenten Jimmy Carter, wurden die Solarzellen von seinem Nachfolger Ronald Reagan bald wieder demontiert.
Dasselbe Schicksal ereilte auch eine Anlage, die - quasi in der Gegenrichtung von Carters Sonnenkollektoren-Initiative - aus der Schweiz gerne ein Erdölförderungsland gemacht hätte. In Tuggen, in der unteren Linthebene, wurde in den 1920er Jahren Erdöl vermutet und zur genaueren Untersuchung ein Bohrturm errichtet. Im Kunstraum Walcheturm erinnert daran vor allem die Verfilmung des Romans ‹Riedland› von Kurt Guggenheim, in dem die schleichend eintretende Desillusion bei immer tieferen Bohrungen dramatisiert wird. Hemauer und Keller haben Guggenheims Film - auf den das Duo unter anderem wegen der Verleihung des Preises der Georg und Josi Guggenheim-Stiftung, Verwandten von Kurt, gestossen waren - wiederum neu montiert, mit Ausschnitten aus ‹Giant› mit James Dean. Darin findet der Arbeiter - und Jeansträger - Dean Öl, wie man es in Tuggen gerne sprudeln gesehen hätte - nur um am Ende umso jäher aus dem American Dream aufzuwachen.
Mit der Demontage des Tuggener Bohrturms demontierte sich eben auch der Swiss Dream des Erdöllandes Schweiz. Was uns nicht daran gehindert hat, zur gut geölten Drehscheibe für den weltweiten Rohstoffhandel zu werden. Die zu demontieren - das braucht wohl noch etwas länger.

Bis: 02.03.2013



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Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Christina Hemauer, Roman Keller [12.01.13-02.03.13]
Institutionen Kunstraum Walcheturm [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Christina Hemauer
Künstler/in Roman Keller
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