Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
3.2013


Dominique von Burg :  Die neue Serie ‹Collage Truth› reizt den äussersten Kontrast ­zwischen schönem Schein und Zerstörung aus. Für Thomas Hirschhorn ist die Collage immer noch das wichtigste Ausdrucksmittel, kann er doch damit die für ihn relevanten Themen in eine äusserst kompakte visuelle Form giessen.


Zürich : Thomas Hirschhorn, ‹Collage Truth›


  
Thomas Hirschhorn · Collage Truth n°81, 2012, Drucksache, Klebeband transparent, Plastikfolie transparent, 40,5 x 46,5 cm ©ProLitteris, Courtesy Galerie Susanna Kulli, Zürich


Auch wenn wir glauben, an den medialen Konsum von schrecklichen Bildern gewohnt zu sein, ist es dennoch fast unerträglich, sich Thomas Hirschhorns (*1957) Collagen von verstümmelten Körpern in Verbindung mit lasziven Models anzusehen. Wenn diese langbeinig und mit leerem Gesichtsausdruck, effektvoll auf einer klassizistischen Sitzgruppe posieren, während zu ihren Füssen ein zu Tode geschundener Körper liegt, bringt Hirschhorn unheilvolle Aspekte unserer Welt auf eine komprimierte Formel. Vor einem an Hieronymus Bosch gemahnenden ‹Garten der Lüste› mit sich vergnügenden Jugendlichen liegen schwer versehrte Männer. Auf einem weiteren Blatt entdeckt man inmitten einer Cüpliparty junger eleganter ­Leute blutende Opfer. Die Bildcollagen mit einerseits perfekten und andererseits zerstörten Körpern gehören zur Serie ‹Collage Truth›. Die Modewerbungen schneidet Hirschhorn aus Zeitschriften und Modemagazinen heraus, an die Stelle von ­Logos oder Labels klebt er Ausdrucke von Amateur-Fotografien aus dem Internet von schwer verstümmelten Körpern.
Ganz im Gegensatz zu den fast roh wirkenden, simplen ‹Ur-Collagen› von 2008, die aus Modewerbungen und Ausdrucken von schlimm zugerichteten Körpern bestanden, basiert die ‹Collage Truth›-Serie auf vergleichsweise klar durchdachten Kompositionen aus ausgeschnittenen Figuren, Bildhintergründen und hineinkomponierten Schatten. Zusätzliche Informationen fehlen gänzlich oder wurden aus den Bildern entfernt. Hirschhorn will nicht, dass gewisse Labels mit den Bildern assoziiert werden oder dass deutlich wird, ob es sich bei den Leichen um Opfer oder Täter handelt.
In einer Broschüre erklärt Hirschhorn, warum er es heute für wichtig erachtet, Bilder zerstörter Menschenkörper zu zeigen. Seine zentrale Aussage lautet, dass die ‹Redundanz› solcher Bilder - u.a. von ständig neu aufflackernden globalen Krisen­herden - uns implizit auffordert, diese Grausamkeiten nicht einfach hinzunehmen, sondern deren Ursachen zu hinterfagen. Jedenfalls wehrt er sich mit seinen Arbeiten gegen die Desinformation und Manipulation durch Politiker, sekundiert von Zeitungen und Fernsehnachrichten, die entsprechende Bilder meist aus rein strategischen Gründen publizieren. Schonungslos verschreibt sich Hirschhorn als «Künstler, Arbeiter, Soldat» der Wahrheitsfindung in einer komplexen Realität, in der Opfer und Täter oft gleichermassen instrumentalisiert werden.

Bis: 26.02.2013



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Thomas Hirschhorn [11.01.13-26.02.13]
Institutionen Susanna Kulli [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Thomas Hirschhorn
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1302241014072QH-15
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.