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Besprechung
3.2013


Gabriel Flückiger :  In der Galerie Nicola von Senger ermöglicht Till Velten Einblicke in ein spirituelles Therapiehaus. Velten tritt dabei von einer klassisch gestalterischen Autorenrolle zurück, agiert dafür auf künstlerischer Ebene umso überzeugender.


Zürich : Till Velten - Der Vorstellung ihren Raum


  
Till Velten · Brunnen mit Wasserzelt, 2012, Silber, Glas, 46 cm, Ø 32 cm


«Wie kann man diesen Seeleninnenraum visuell im Aussenraum in einer Kunstinstitution zeigen?» So irritierend die Frage erstmal wirkt, die Till Velten (*1961) dem Benediktinermönch Anselm Grün in einer Begleitpublikation stellt - müsste das der Künstler denn nicht selber wissen? -, so bezeichnend ist sie für sein künstlerisches Vorgehen. Denn Velten arbeitet nicht objektorientiert, sondern die Begegnung und das Gespräch sind seit bald zwölf Jahren sein künstlerisches Medium. Mittels Interviews schafft er sich Zugang zu fremden Wissensfeldern, erforscht die Tätigkeiten von Gärtnern, Psychoanalytiker oder Autovermietern und holt dabei aus seinen Gesprächspartner/innen persönliche Erfahrungswelten hervor. Doch Reflexionen über den Status von Bildern und die Möglichkeiten von Darstellungen bleiben zentral für Veltens Schaffen. So sind die aufgezeichneten Gespräche oftmals in installativen Arrangements zu hören und werden mit Grafiken, Fotografien oder Objekten ergänzt.
Akutell widmete Velten sich den Gästen des Recollectio in der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, einem Therapiehaus für Seelsorger. Priester und andere kirchliche Mitarbeiter/innen können in der von Anselm Grün und Wunibald Müller geführten Stätte während drei Monaten mittels Gesprächs-, Mal- sowie Körpertherapie Lebens- oder Glaubenskrisen verarbeiten. Die nach dem Aufenthalt von Velten aufgezeichneten und nun in seiner Ausstellung nachgesprochenen Audiointerviews berichten von Neuorientierungen, von inneren Prozessen oder der intimen Sichtweise auf den Tod. Während ihres Aufenthalts erstellten die Gäste zusätzlich Karton-Modelle ihrer Vision des eigenen Seelenraums, welche anschliessend von Silber- und Goldschmieden des Klosters mit grosser handwerklicher Präzision plastisch umgesetzt und nun von Velten ausgestellt werden.
Die architektonischen Fragmente, Schiffe oder Glaskuppeln erinnern an klaustrophobische Begebenheiten, vitalisierende Jungbrunnen oder organische Energiebühnen. Die kostbaren Objekte stellen Gefühlszustände und Körperempfindungen in expressiver Präzision dar - vordergründig eine Qualität, die Veltens Arbeitsweise sonst entgegen steht. Die Anonymität der Sprachdokumente wie auch die Aneignung der bestehenden Objekte hat viel mit konzeptuellen und institutionskritischen Strategien zu tun. Velten gelingt es dadurch, ein Inventar zutiefst existentieller Erlebnisse zu erstellen und der abstrakten Vorstellung von «Seele» Raum zu geben, ohne journalistisch oder dokumentarisch zu wirken.

Bis: 28.02.2013



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Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Till Velten [19.01.13-28.02.13]
Institutionen Nicola von Senger AG [Zürich/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Till Velten
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