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Besprechung
3.2013


Katharina Dunst :  Die Künstler-Kuratorin Clare Kenny zeigt im Oslo 10 den dritten Teil einer Ausstellungsserie, die sich mit nicht-fotografischen Techniken spezifischen Charakteristiken der Fotografie widmet. Nach ‹The Thing itself› und ‹The frame› fokussiert sie diesmal unter dem Titel ‹Time› auf Werke, die den Faktor Zeit umkreisen.


Münchstein/Basel : Clare Kenny, ‹Time›


  
Sonia Kacem · holy crap, 2013; Gabi Deutsch · all tomorrows parties, 2012


Jede und jeder von uns fotografiert, schaut täglich unzählige Fotos an und «liest» Sachverhalte aufgrund ihrer Abbildungen. Fotografien informieren schnell und suggerieren Authentizität, obgleich niemand ungebrochen glaubt, was die Bilder zu sehen geben. Ebenso alltäglich wie dieses grundlegende Misstrauen profaner Fotografie gegenüber ist es, Fotografien in Kunstmuseen zu betrachten, ohne sich zu fragen, ob sie Kunst sind oder nicht. Wie aber hat sich die Kunst mit der Fotografie verändert und in welcher Weise formt das fotografische Dispositiv das Sehen im Allgemeinen? Clare Kenny hat sich bei der Auswahl der gezeigten Arbeiten auf ihre Auseinandersetzung mit dem Faktor «Zeit»
1 konzentriert. Den meisten Werken ist gemeinsam, dass sie als Serien konzipiert sind und über das Einzelbild hinausweisen.
Am prägnantesten bringen Sam Porrits (*1979) Tintenzeichnungen das Vor- und Nachher auf den Punkt. In ‹Going East›, 2010, malt der Künstler Horizontlinien über drei querformatige Blätter in scheinbar einem Zug. Das Auge wird zum Vehikel, fährt über die Zwischenräume hinweg und lässt die Formen in scheinbar nahtloser Bewegung mutieren, als befände es sich in einem Zug in Richtung Orient. Mit Leichtigkeit verbindet sich der Titel der Arbeit mit ihrem Inhalt und schafft einen geistreichen Kommentar zu sprachlichen Konventionen und formalen Stereotypen.
Nicht die Fortsetzung, sondern die Vergänglichkeit ist das Thema, das in den Arbeiten von Manon Bellet (*1979) und Sonia Kacem (*1985) anklingt. Ein auf der Strasse gefundenes weisses Plastiksäckchen dient Bellet zur Negativform ihrer dem baldigen Zersetzungsprozess ausgelieferten Cyanotypien. Das leichtfertig Weggeworfene erhält ein fragiles Kunstleben auf Zeit und wird in seiner unendlichen Ferne und Ungreifbarkeit zur melancholischen Schönheit. Auch Kacem arbeitet mit gefundenen Materialien; sie legt den Hauptakzent aber auf die einmalige Inszenierung und Komposition ihrer geschichtsreichen Protagonisten. Mit ‹holy crap›, 2013, wirft sie in einem eleganten Schwung aus Marmorpulver, goldenen Zierborten und edlen Stoffbändern ein Bild von Luxus und Vanitas auf den Boden. Eine überzeugende Geste, wie sie auch die Ausstellungsmacherin beherrscht.

1 ‹Time› ist eine der fünf Charakteristika, die in ‹The Photographers's Eye› von John Szarkowski neben ‹the Thing itself›, ‹the Detail›, ‹the Frame› und ‹the Vantage Point› das spezifisch Fotografische umreissen.


Bis: 16.03.2013



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Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Clare Kenny [04.02.13-16.03.13]
Institutionen Oslo 10 [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Katharina Dunst
Künstler/in Samuel Porritt
Künstler/in Manon Bellet
Künstler/in Sonia Kacem
Künstler/in Clare Kenny
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