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Besprechung
3.2013


Alice Henkes :  Die Dinge überleben uns. Und wenn man Trödelliebhabern glauben will, so sind sie Zeugen des kulturellen Zeitgeistes. Die französische Künstlerin Isabelle Cornaro verwandelt Flohmarkt-Plunder in Abgüsse aus Gips und Gummi, die sehr ästhetisch sind, ein wenig melancholisch und vor allem stumm.


Bern : Isabelle Cornaro


  
Isabelle Cornaro · God Box No. 1-3 (detail), Black steel, black rubber, 142 x 106 x 88 cm, 2013, Courtesy Balice Hertling und Francesca Pia. Foto: Dominique Uldry


Der Blick zurück ist zur liebsten Blickrichtung der Künste geworden. Das Erinnern, die Beschäftigung mit der Vergangenheit, mit der individuellen wie mit der kollektiven, beschäftigt auch und vor allem jüngere Kunstschaffende. Verschmockte Fundstücke, Andenken an Familiengeschichten und zeitgeschichtliche Dokumente füllen in diversen Bearbeitungsformen Kunsthäuser und Galerien.
Auch die französische Künstlerin Isabelle Cornaro (*1974) arbeitet in diesem Themenfeld, mit Objekten, die sie auf Flohmärkten findet. Spitzendeckchen, Aschenbecher, Sparschweine ordnet Cornaro zu Stillleben und Ornamenten, die sie in Abgüssen aus Gips und Gummi fixiert. Der Gestus gleicht dem eines Antikensammler, der die Herrlichkeiten der griechischen Hochkultur für die Nachwelt sichert, und dabei begeisterungsblind in jede kulturhistorische Falle tappt. Cornaro stellt solche Fallen gleichsam auf. Was sie in Abgüssen festhält, ist keineswegs Teil unserer Hochkultur, sondern der Output unserer hochtourigen Industriegesellschaft, billig produzierte Massenware, in Serie gefertigter Krimskrams, der sich jedoch gern mit der Aura des Individuellen umgibt. Die Künstlerin treibt dieses Spiel mit verschiedenen Qualitäts- und Kulturebenen noch weiter, indem sie ihre Assemblagen kunsttheoretischen Begriffen wie der Ornamentik oder der Abstraktion zuordnet. Ein Abguss mit Naturstücken zeigt neben Backformen und Lampenschalen Karaffen mit Entenhälsen und Terrinen in Hasenform. Typischer Plunder, der einst jene Art von Massenware war, die alleine durch die Art und Weise, wie ihr Besitzer sie nutzt, eine Wertigkeit entwickelt. Ob die Hasen-Terrine jedoch zur Zubereitung von Pasteten verwendet wurde, als ungebliebtes Geschenk in der hintersten Schrankecke schmollte oder einen Paradeplatz auf der Fensterbank innehatte, darüber erzählen Cornaros Abgüsse nichts. Sie löschen Gebrauchsspuren, persönliche Noten aus. Zurück bleiben stumme Objekte.
Gravitätisch wirken die ‹God Box›, 2013, genannten Säulen, die mit schwarzen Gummiabgüssen symmetrischer Muster aus Münzen, Schnüren, Knäufen dekoriert sind. Sie erinnern an Grabmale und damit an die Vergänglichkeit alles Lebenden, und das einmal ohne die Trostbonbons süsser Jenseitsphantasien auszustreuen. Ihre Botschaft lautet: Nur die Gegenstände überleben uns. Cornaros Ausstellung zeigt aber auch: Die Gegenstände vergessen uns. Sie erzählen dem Betrachter nichts darüber, wer ihre Besitzer waren, noch darüber, was sie selbst einmal waren.

Bis: 24.03.2013



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Ausgabe 3  2013
Ausstellungen Isabelle Cornaro [01.02.13-24.03.13]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Isabelle Cornaro
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