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Fokus
4.2013


 Immer wieder ringen Redner mit den Worten, um die Arbeiten von Subodh Gupta zu deuten. Dieser gibt sich gelassen. In Thun steht er da, in einer Art Budapesterschuhen mit Lederteilen in Cognac, Grau und Schwarz. Wippt er, blitzen die Sohlen auf: Sie sind yves-klein-blau. Hinter ihm erhebt sich ein übermannshoher ockerfarbener Haufen - eine stark geschrumpfte Replika der Buddha-Statuen aus dem afghanischen Bamiyan. Oder besser von dem, was von ihnen übrig blieb, nachdem die Taliban sie im März 2001 in die Luft gesprengt hatten. Nicht viel. Vier Tage brauchten sie, um den 35 Meter hohen Buddha in seine Einzelteile zu zerlegen. Und das war erst der kleinere.


Subodh Gupta - Die Macht der Töpfe. Und warum sich der Künstler mit Kuhdung einrieb


von: René Ammann

  
links: Family Nest No. 3, 2012, Edelstahlkabinett, Edelstahlutensilien, gebrauchte Aluminium- und Messing­utensilien, 172,7x139,7x68,6 cm, Courtesy Hauser & Wirth. Foto: Stefan Altenburger
rechts: Renunciation, 2012, Verschiedene Materialien, 322x654x360 cm, Courtesy Hauser & Wirth, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Thun. Foto: Dominique Uldry


Was hat der im indischen Bundesstaat Bihar geborene Subodh Gupta mit Afghanistan zu tun? Die berühmten ‹Stehenden Buddhas› standen seit Jahrhunderten im Herzen Afghanistans, 2000 Kilometer von Patna entfernt. Dort hat Buddha die Erleuchtung ereilt - unter einer Pappelfeige. Ein paar Hundert Blätter der Feige haben den Weg nach Thun gefunden. Gupta hätte den Boden um den Sockel der zerstörten Statuen gern vollständig mit ihnen bestreut, «aber leider war keine Saison».
Im Raum neben dem Sockel kommt uns ein Mann entgegen, der mit Kuhdung beschmiert ist: Subodh in einem Video von 1999. Als er von Patna nach Delhi ging, um Theater und Kunst zu studieren, nannte man ihn in der Stadt einen «Bihari». Das ist in Delhi gleichbedeutend mit «Landei». Subodh akzeptierte die Schmähung, schmierte sich von Kopf bis Fuss mit frischem Kuhdung ein und wusch sich wieder rein. Später fragte ich ihn, was das für ein Gefühl gewesen sei. «Sagen wir's so», antwortete er, «ich hab's überlebt.»
Im selben Raum im Museum essen (im Video) drei Männer am Boden pausenlos Reisbrei. ‹Spirit Eaters› heisst die Arbeit. Die Männer haben sich darauf spezialisiert, Leichenmahle anzubieten. Stirbt in Bihar ein Mensch, eilen die Kanthababas herbei, wie man sie nennt, um den Toten zu würdigen. Indem sie so ausgiebig essen, bis sie nicht mehr können. Vor der Zeremonie wird stundenlang gefeilscht. Als Erstes fordern die Kanthababas das Haus des Verstorbenen, bis man sie auf einen vernünftigeren Preis heruntergehandelt hat. In Delhi sahen sich 600 Leute bis zum letzten Bissen an, wie die drei Männer sich rechtshändig und stundenlang den Magen vollschlugen. «Performance Kunst - wo Künstler live Werke schaffen, die unabhängig von traditionellen Formen wie Malerei, Musik oder Tanz sind - ist noch immer ein neues Genre», stellte die Zeitung Indian Express daraufhin fest.

Jedem seine Dabba
«Ich habe Hunger», sagt Subodh, als wir uns zum Gespräch setzen, «kommst du mit zum Essen? Wir können uns doch auch bei Tisch unterhalten.» Wir gehen ins Res-taurant Bâteau à vapeur, ein paar Schritte vom Kunstmuseum entfernt. Dort warten bereits die drei Gupta-Betreuer der Galerie Hauser & Wirth aus London, New York und Zürich. Subodh bestellt für sich ein Curry. Es kommt in einem schwarzen Topf mit Deckel. Subodh lacht. Ein Topf! Aus schwarz schimmerndem Email. Er nimmt mit dem Mobiltelefon ein paar Fotos.
Tage zuvor hatte Subodh auf den Hinweis von Helen Hirsch, der Kuratorin, an der einen Wand sei es etwas leer, schlagfertig reagiert: Er male die Reste seines ersten Mittagessens in Thun an die Wand des Museums: ein ausgebeintes Güggeli mit ein paar Salatblättern und zwei halben Tomätli, wie das am Thunersee serviert wird. Garniert mit einer zerknüllten Serviette allerdings. «Ich liebe es zu malen», sagte Subodh, «leider fehlt mir dazu oft die Zeit.»
Im Museum fahren gestapelte Behälter - zwei- bis neunstöckige Paternoster aus Chrom und Messing - auf einem Sushi-Band. Hintereinander, wie ein Zug. In Indien nennt man sie Dabbas, und die Angestellten lassen sich ihr Mittagessen in einer Dabba ins Büro liefern, Suppe, Gemüse, Huhn und Reis getrennt. Die Paternoster werden vom Dabbawala zum Bürohochhaus gefahren und dort auf die richtigen Pulte verteilt. Bei Subodh kreisen die blitzsauberen Dabbas endlos. Sie sind so leer wie jene vieler Inder, die bei allem Überfluss hungrig bleiben. ‹Truth Matters› heisst diese Arbeit - der Glaube ist wichtig. Und so wirken die Dabbas auch wie Häuser, Urnen, Versprechen. Ständig in Bewegung im Kreislauf von Geburt, Vergehen und Wiedergeburt.

Neue Töpfe für das ‹Family Nest›
«Oh, ich muss dir zur Arbeit ‹Family Nest› eine Geschichte erzählen», sagt Subodh, als wir im Zug nach Zürich sitzen. Beide haben wir ein Glas Bier zum Mittagessen getrunken. Und beide hängen wir in den Sitzen, matt vom See mit seinem wunderschönen Licht, das flirrte und flirtete. «Schau dir das Wasser an, es glitzert wie Sterne», hatte Subodh gesagt, «diese Berge, sind sie nicht wunderschön? Ich habe mich in diese Landschaft verliebt. Dieser Ort ist wie ein Juwel.» Dann fährt er fort: «Die blauen Töpfe, die du gesehen hast, die sind nicht aus Indien, die sind aus Dänemark oder Grossbritannien. Man hat sie als Mitgift geschenkt. Und sie wurden nie benutzt wie die anderen Töpfe oder Schalen.»
«Du hättest den Text im Katalog nicht lesen dürfen - vor unserem Gespräch», sagt Subodh. Er hat Recht. Im Katalog steht, wie er mit seinem Vater «aus einem Eimer» duschte, bis jener starb, als der Sohn zwölf war; wie er der Mutter zurief, sie solle ins Bett kommen, weil er Angst hatte, alleine zu schlafen. Wie er mit der Schwester und der Mutter ass, wie er Theater machte, aus Kuhdung noch immer ein Feuer entfachen kann und wie er punktgenau weiss, wann Kunst Kunst ist: «Meine Definition von Mist ist, wenn ich bei einem Kunstwerk nichts spüre.»
Mir gefällt der Umschlag deines Katalogs sehr, sage ich, er hat dieselbe Farbe wie ein trockener Kuhfladen. Subodh lacht. «Mir gefällt daran auch, dass mein Name nicht auf dem Umschlag steht. Ich habe ein paar Freunde gefragt, ob ich das Gespräch in der Form veröffentlichen lassen soll», sagt er, «und sie meinten, das ärgert dich vielleicht jetzt, deine Offenheit, aber in zwanzig Jahren wirst du darüber lachen können und es annehmen. Da sagte ich, okay, geht in Ordnung, dann tun wir das. Es war ja nicht so, dass ich das nicht gesagt habe, ich war bloss überrascht, was ich dem Journalisten alles erzählt hatte.»
Er schaut mich durch seine dickrandige Brille an. Nun ja, das wird deine Kinder nicht davon abhalten, so zu werden wie ihr Vater oder ihre Mutter, sie ist ja auch Künstlerin, antworte ich. Wie alt sind eure Kinder denn? «Unsere Tochter ist 9, unser Sohn 16. Künstler? Nein. Er will Fussballer werden.» - «Warum nicht?» antworte ich und merke, wie das Gespräch, das wir über Stunden geführt haben, erlahmt.
Kurz vor Zürich schrecke ich hoch. Subodh ist eingenickt. Ich entschuldige mich, sage, mir seien die Fragen ausgegangen und überhaupt, das Glas Bier... Er antwortet: «Ach, du bist ebenfalls eingeschlafen? Ist doch prima. Das war ein perfekter Nachmittag, nicht?!»
René Ammann ist Buchautor, Reporter und Textproduzent. Er lebt in Zürich. ammann@zahlenwelt.net


Bis: 28.04.2013


Katalog, Verlag für moderne Kunst Nürnberg (d/e), hrsg. Kunstmuseum Thun.
Rahmenprogramm: ‹Kunstszene Indien›, Vortrag von Gitanjali Dang (indische Kunstkritikerin), am 14.4., 11.15 Uhr; Lesung ‹Mumbai Beat›, Reisereportage, und ‹Uferwechsel›, Krimi, von Sunil Mann, am 28.4., 11.15 Uhr



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Subodh Gupta [16.02.13-28.04.13]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in René Ammann
Künstler/in Subodh Gupta
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