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Fokus
4.2013


 Die griechisch-zypriotische Künstlerin Haris Epaminonda arbeitet sowohl mit gefundenem historischem Bild- und Filmmaterial als auch mit selbstgedrehten Super 8-Sequenzen. Aus diesen Versatzstücken konstruiert sie assoziative Papier-, Film- und Raum-Collagen und setzt das archäologisch und ethnografisch aufgeladene Material einem zugleich präzisen und vagen ästhetischen Prozess aus. Nach der Bespielung des zypriotischen Pavillons an der 52. Biennale in Venedig, Einzelausstellungen im MoMA New York sowie der Tate London zeigt sie nun im Kunsthaus Zürich ihren neuen Film ‹Chapters›.


Haris Epaminonda - Ausschnitte eines ästhetischen Referenzsystems


von: Gabriel Flückiger

  
links: Chapters, 2013, Still, 16-mm-Film, digital umgewandelt, Vier-Kanal-Videoinstallation, 65' (#1), 43' (#2), 70' (#3), 64' (#4), Loop, Sound: Part Wild Horses Mane On Both Sides
rechts: Haris Epaminonda, Untitled #17 o/g, 2012, Metallwage mit Metallstruktur, Säule, gerahmtes Bild Holzsäule, Dimensionen variabel, aus:


Was man aktuell von Haris Epaminonda sieht, ist ein transformatives Werk. Der Film ‹Chapters›, für welchen die Künstlerin den Sommer auf Zypern verbracht und mit einem Tonkünstler-Duo zusammengearbeitet hat, zeigt auf vier Projektionen Situationen aus einer archaischen und karg-staubigen Wüsten- und Hügellandschaft mit wundersamen, mysteriösen Charakteren. Manche gehen in sakralen, antikisierenden Gewändern okkulten Ritualen nach. Ein Priester beweihräuchert eine Palme, Eingeborene bewachen einen Felsen, eine Königin tritt herrschaftlich vor eine Gebäuderuine. Gleichzeitige Projektionen zeigen Nahaufnahmen fallender Vasen oder vertrocknete Erdkruste. Eindringliche Blicke der Figuren und minimale Gesten wirken verstörend intim. Zusätzlich versetzt der flirrend-stechende Klangteppich die Stimmung ins entrückt Unbehagliche.
Da die ungleich langen Projektionen geloopt sind, liegen jeder Betrachtung unterschiedliche Bild- und Ton-Konstellationen zugrunde und das Werk verändert sich beständig. Statisch ist ‹Chapters› auch insofern nicht, als Epaminonda für die nächsten Ausstellungsstationen - dem ‹Point Center for Contemporary Art› in Nicosia, dem Modern Art Oxford und der venezianischen Fondazione Querini Stampalia - das Material weiter umkomponiert, neueditiert und reduziert. Allenfalls schreibt sich der Prozess in eine finalen Form, allenfalls nicht. Epaminonda zielt mit ihrem Werk nicht auf vorab Bestimmtes oder die begrifflich genaue Kontur.

Intuitive Impulse
Die Bildwelt von ‹Chapters› ist sorgsam arrangiert und die Bildabfolgen präzise gesetzt. Eine innere, formale oder emotionale Verbindung zieht sich durch das Werk. Doch eine erklärende Begründung liefert es nicht. Epaminondas Kompositionen folgen meist intuitiven Impulsen. Das hat Parallelen zum methodischen Denken der historischen Surrealisten, die mit ihren ‹cadavre exquis› den rationalen Bildaufbau eliminierten, ist aber gleichzeitig von deren Methode der ‹écriture automatique› weit entfernt. Epaminondas Arbeiten versuchen nicht, einer wilden Irrationalität Platz zu verleihen, sondern sie zeichnen sich durch eine konzeptuelle Strenge aus. Dabei lag für ‹Chapters› kein eigentliches Skript vor, sondern nur Vorstellungen der Situationen, welche die Künstlerin kreieren wollte. Kameraführung, Licht- und Farbgestaltung sind kontrolliert und wie bei einem Gemälde austariert. In eine Narration mündet das Werk trotzdem nicht, viel eher fügen sich einzelne Fragmente zu einem vagen und suggestiven Korpus von Empfindungen und Ahnungen.
Erstmals internationale Aufmerksamkeit erhielt Epaminonda, als sie ihr Land bei der Biennale in Venedig vertrat. Das war vor fast sechs Jahren und mittlerweile hat sie im Alter von 33 bereits einen ersten Karrierehöhepunkt erreicht. Letztes Jahr wurde sie an die dOCUMENTA (13) eingeladen, wo sie zusammen mit dem Künstler Daniel Gustav Cramer ein ganzes Haus im Kasseler Kulturbahnhof bespielte. In spärlich, aber zwingend bestückten Räumen mit installativen Dispositionen von Artefakten, wie grünen, kleinen Schüsseln oder Waagschalen und nostalgisch wirkenden Landschaftsfotografien, eröffnete sich ein Gefühl von unkonkreter, aber anthropologischer Vergangenheit, einer unnahbaren Zeit, welche die Gegenwart, im Sinne eines poetischen Geschichtsverständnis, umhüllt.

Künstlerisches Archiv
«There needs to be a certain distance to the images and the objects I use, an abstraction, a kind of gap of knowledge, of history and origin», meint Epaminonda. Ihre Arbeiten basieren meist auf geografisch und historisch identifizierbaren Objekten sowie Landschaftsbildern oder Porträts und deren Wurzeln reichen bis in die Antike oder nach Afrika. Für die ‹Volume›-Series, seit 2009, arrangierte sie beispielsweise frühgeschichtliche Stammesskulpturen, folkloristische Vasen, Papiercollagen sowie Bildtafeln aus Büchern in musealer Manier, löste die Präsentation aber nicht indexikalisch auf, sondern übertrug die Gegenstände im Sinne einer dreidimensionalen räumlichen Collage auf eine abstrakte Ebene, ohne klare Raum-Zeit-Verortung. Die Arbeit könnte endlos mit anderem Material weitergeführt und variiert werden, genauso wie ‹Chronicles›, seit 2010: Eine Sammlung von Super 8-Filmen - eine bekanntlich längst marginalisierte Technik - die sie selber während ihrer Reisen aufgenommen hat. Ein rauschender Wasserfall, gleissendes Sonnenlicht oder die Rundumaufnahme einer neoklassischen Statue, auf der Spatzen nisten. Epaminondas künstlerisches Œuvre besteht weniger aus fertigen Arbeiten, denn aus einem umfassenden Archiv. Das Anhäufen von Materialien ist entscheidend, es ist ihre Hauptressource für das nachträgliche Beschneiden, Einfügen und Kombinieren.
Epaminonda: «It is the way I treat the material that matters and not whether it is found or made. I am interested in the inner associations and connections between things». Warum ihre künstlerische Neugierde so auf Vergangenes anspricht, hat mit deren ästhetischer Erscheinung zu tun. Ein Grund, weshalb sie für die Arbeit ‹Tarahi›, 2007 (Deutsch: Tumult), Ausschnitte aus beliebten griechischen TV-Romanzen, Thrillern und Komödien der Sechziger abfilmte, einzelne Bewegungen oder Schatten von Figuren isolierte und nach formellen oder emotionalen Aspekten zusammenfügte. Der Rhythmus orientierte sich an Stimmungen und Atmosphären, nicht an einer klaren Story - ähnlich der aktuellen Arbeit ‹Chapters›, die Epaminonda auf Einladung der Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis nun in Zürich zeigt.

Ästhetisches Referenzsystem
Epaminonda arbeitete hier erstmals als Regisseurin mit Schauspieler/innen. Diese treten jedoch nur als Vermittelnde von einzelnen Gefühlszuständen und nicht in kohärenten Rollen auf; analog den Darstellungen auf einer antiken Vase, mit Szenen, die klaren formalen Vorgaben gehorchen. Zwischen den verschiedenen Projektionen gibt es immer wieder Überschneidungen, Gegenstände und Personen scheinen vom einen zum anderen Bild zu wandern und erzeugen so das Gefühl von verkörperter Räumlichkeit.
Auch aus früheren Arbeiten tauchen Objekte wieder auf: Das Motiv des Zebras oder ein bestimmter Stein waren schon bei ‹Chronicles› zu sehen. ‹Chapters› fügt sich so in ein künstlerisches Referenzsystem, welches mit fast schon enzyklopädischer Anstrengung mögliche Beziehungsnetze spannt, wobei das eine zum anderen führt: «Certain subjects, forms and structures that appear in the film may be introduced back into the space at a later stage», so Epaminonda.
Sinnzusammenhänge bleiben aber bewusst fragmentarisch, denn Epaminondas Collagen - heutiger postmoderner, pluraler Bildpolitik entsprechend - können berühren, Katalysator für Reflexionen sein oder verschlossen bleiben. «It's a proposition», fasst Epaminonda zusammen.
Gabriel Flückiger ist kunstjournalistisch und kuratorisch tätig, lebt in Bern. gabriel.flueckiger@hotmail.com


Bis: 05.05.2013


Haris Epaminonda (*1980, Nicosia, Zypern) lebt in Berlin

1997-1998 Chelsea College of Art & Design, London
1998-2001 Kingston University, London
2001-2003 Royal College of Art, London

Einzelausstellungen (ab 2010)
2013 Kunsthaus Zürich; Modern Art Oxford
2012 Bad. Kunstverein, Karlsruhe; Kunsthalle Lissabon (mit Daniel Gustav Cramer); Kunsthaus Glarus
2011 Museum of Modern Art, NY; Schirn Kunsthalle Frankfurt
2010 Samsa, Berlin (mit Daniel Gustav Cramer); Museo di Palazzo Poggi & Biblioteca Universitaria,
Bologna; Site gallery, Sheffield; Level 2 gallery, Tate Modern, London



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Haris Epaminonda [15.02.13-05.05.13]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Gabriel Flückiger
Künstler/in Haris Epaminonda
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