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Fokus
4.2013


 Ausgangspunkt für Jérémie Gindres Arbeit ist der Wunsch, Landschaft zu verstehen. Dafür folgt er historischen Entdeckern auf ihren Touren durch noch unerforschtes Gebiet und gräbt sich mithilfe geologischer Darstellungen in die Tiefen der Erde. In seinen Zeichnungen, Objekten, Installationen versucht er jedoch nicht nur eine Annäherung an die Natur- und Geowissenschaften, sondern beobachtet auch, wie Landschaften durch ihre Benennung domestiziert werden und ihre Wahrnehmung durch ihre Deutung überlagert wird.


Jérémie Gindre - Image Canyon


von: Alice Henkes

  
links: Image Canyon, 2013, Ausstellungsansicht FriArt Fribourg. Foto: Primula Bosshard
rechts: Image Canyon, 2013, Ausstellungsansicht FriArt Fribourg. Foto: Primula Bosshard


Der Aufbruch in den Westen gehört zu den grossen Mythen der nordamerikanischen Geschichte. Nachdem er 1803 Frankreich seine Besitzung Louisiana abgekauft hatte, sandte US-Präsident Thomas Jefferson Captain Meriwether Lewis und Leutnant William Clark aus, das Land bis zum westlichen Ozean zu erkunden. Unterstützt von Soldaten und Dolmetschern, sollten Captain Lewis und Leutnant Clark die Einwohner, die Flora, Fauna und Geologie der Region studieren. Der Bericht der beiden Männer zeugt von der Entdeckung einer wilden, ursprünglichen Natur. Für Jérémie Gindre ist er ein Quell der Inspiration.
In seiner Ausstellung «Image Canyon» im Centre d'Art de Fribourg schickt der Genfer Künstler die Besucher auf eine Entdeckungstour in eine Felslandschaft, die vom imposanten Grand Canyon in Nordamerika ebenso inspiriert ist wie von der Saane, die sich im Freiburgischen tief in die Sandsteinschichten eingegraben hat. Felsen, Steine, Steilkanten plastisch in den Raum gestellt oder in schematischen Darstellungen: Er komponiert aus Zeichnungen und Objekten eine fiktive Landschaft, die reale Gelände zitiert. Gindre, interessiert an Geographie und Geologie und damit verbundenen Themen wie Tourismus, Inbesitznahme und Interpretation Landschaft, bildet nicht einfach ab, er adaptiert, transformiert und gestaltet eine Art pseudo-wissenschaftliche Dokumentation einer generalisierten Felslandschaft, von deren verborgenen Erdschichten er ebenso erzählt wie von ihren Besuchern.
Eine wichtige Etappe der Lewis-und-Clark-Expedition war die Fahrt den Missouri aufwärts. Die beiden Entdecker notierten in ihrem Reisejournal: «Wir haben Steine gefunden, die wie Holz aussehen.» Diese Textstelle hat Gindre sofort gefesselt. «Wenn ich lese, sei es ein Roman oder ein Forschungsbericht, sehe ich sofort Kunstwerke vor mir.» Werke, die er dann ausgestaltet, wie die Objekte aus Beton und Bleistift, die wie graue Bretter aussehen. Sie finden sich zu Beginn des Ausstellungsparcours. Daneben das genannte Zitat aus dem Bericht, das nicht bloss als kleingedrucktes Infoblatt aufliegt, sondern als Textbild an der Wand hängt, die Lettern in Chinatusche auf Leinwand gemalt. Das Zitat wird so Teil des Werks. Der Eindruck eines didaktischen Ausstellungsaufbaus wird gleichermassen überhöht wie unterlaufen.

Die Zähmung der Landschaft
Natürlich geht es in dieser Ausstellung, die sich in das Gewand einer Entdeckungsreise kleidet, auch um Wissen, um Kenntnisnahme. «Ich versuche, Landschaft zu verstehen», sagt Gindre zu seinem Interesse an Geowissenschaften. Auch Lewis und Clark haben versucht, eine ihnen fremde Landschaft zu verstehen, in einem praktischen Sinn, doch nicht ohne poetische Züge. In den Texten, die Gindre im ersten Raum der Schau zitiert, geht es um Vergleiche, Benennungen, mit denen die beiden Landerforscher den unbekannten Raum fassbar machen wollten. Gindre sieht dahinter auch einen gewissen Machtanspruch. «Indem Menschen Bergen, Tälern, Hügeln Namen geben, domestizieren sie die Landschaft», sagt er. Auf skurrile Weise verdeutlicht dies ein Zitat aus einem Text über Lewis und Clark, in dem von einer Felsformation berichtet wird, die einem Teekessel gleicht. Leider sei 1962 infolge eines Blitzschlags der Griff des Kessels abgebrochen, so dass er kaum noch als solcher zu erkennen sei. Die Natur hält sich nicht immer an das Bild, das Menschen sich von ihr machen.
Der Aneignungsprozess der Entdecker wiederholt sich, in kleinerem Massstab, im Tourismus. Reisende entdecken die Welt immer wieder neu, jeder für sich und doch in grosser Zahl. Wobei ihre Entdeckungen gelenkt sind, wie die Installation im mittleren Teil der Ausstellung zeigt. Holztafeln mit Warnungen und Fingerzeigen weisen dem Wanderer durch die Symbollandschaft Gindres den Weg. Die bühnenhafte Inszenierung einer Wandöffnung als tiefer Schlucht erinnert an Dioramen in naturwissenschaftlichen Museen. In diesen oft kunstvoll gestalteten idealtypischen Landschaften lassen sich gemalte Kulissen und ausgestopfte Tiere weit genauer betrachten als ihre vitalen Vorbilder unter freiem Himmel. Erst in der Bearbeitung durch den Menschen wird Natur lesbar.

Vom Entdecken und Interpretieren
Gindre spielt in seinen Ausstellungen auf Formen wissenschaftlicher Darstellungsweisen an und verweist so darauf, wie Wissen erworben und vermittelt wird. Gern geht er auch mit seinen Arbeiten an Orte der Wissensvermittlung. 2011 präsentierte er Arbeiten in der Bibliothèque Humaniste im elsässischen Sélestat. In den Gängen der Genfer Privatschule Institut Florimont hat er eine kleine Ausstellung mit naturwissenschaftlichen Präparaten, eigenen Arbeiten und Werken aus der Sammlung des Mamco eingerichtet, die die klassische Schaukasten-Präsentation spielerisch aufnimmt, erweitert und hinterfragt. Schaukasten-Titel wie «salle rêve» verdeutlichen, wie Gindre spröde Wissenschaft um eine künstlerisch-anspielungsreiche Dimension erweitert.
Das Erforschen interessiert den Künstler ebenso wie das freie Interpretieren. Gindre beschäftigt sich nicht nur in Zeichnungen und Objekten, sondern auch in Texten mit dem Thema der Landschaft. An der Geologie fasziniert ihn, dass sie versucht, sichtbar zu machen, was unter der Erde verborgen ist. Ebenso interessiert ihn, was der Mensch in die Natur hinein sieht, die Figuren und Gesichter, die er in Steinformationen zu entdecken glaubt und welche die stumme, unverständliche Natur symbolisch vermenschlichen. Gindre spielt mit der menschlichen Neigung, in abstrakten Formen Vertrautes zu entdecken, indem er Steinfunde auf Ziegelsockeln präsentiert, die dazu einladen, etwas in sie hinein zu interpretieren.
Mit dem Widerspruch zwischen symbolhaft-kultureller und naturwissenschaftlich-reduzierter Sicht auf Naturräume beschäftigt sich Gindre im letzten Teil der Schau, in dem er ein Grafik-Kabinett eingerichtet hat. Die Blätter der Serie «Caractère régional», ganz traditionell auf einem Tisch unter Glas ausgebreitet, zeigen Querschnitte und Höhenprofile pittoresker und touristisch relevanter Orte. In der sachlichen Darstellungsweise der Zeichnung freilich verlieren sie das, was ihren emotionalen Mehrwert ausmacht. Die berühmte Montagne Sainte-Victoire hat in ihrer schematischen Darstellung kaum noch etwas mit jenem mythischen Berg zu tun, den Cézanne aus diesem Gipfel gemacht hat.
Alice Henkes (*1967, Hannover) lebt als freie Kunstkritikerin und Kuratorin in Biel. alice.henkes@bluewin.ch


Bis: 12.05.2013


Ebenfalls noch zu sehen ist die Ausstellung «Variété des passions», Institut Florimont, bis 28.6. (Achtung, sehr eingeschränkte Öffnungszeiten!)

Jérémie Gindre (*1978, Genf) lebt in Genf
2001 Diplom der Haute Ecole d'Art et de Design, Genf

Einzelausstellungen (Auswahl):
2012 ‹Variété des passions›, Mamco c/o Institut Florimont, Genève; ‹Every Friend› (mit C.S.Fullerton),
Norma Mangione Gallery, Turin
2011 ‹Encore une!›, Bibliothèque Humaniste, Sélestat/F; ‹Menhir Melon›, Circuit, Lausanne

Gruppenausstellungen (Auswahl):
2012 ‹La Montagne déplacée›, Centre d'art le Capucins, Embrun
2011 ‹Les Amis imaginaires›, Fonderie Kugler, Genève; ‹Pioneers to the Falls›, Oslo 10, Basel



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Claudia Comte, Jérémie Gindre [09.02.13-12.05.13]
Institutionen Fri Art Centre d'Art de Fribourg [Fribourg/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Link http://www.florimont.ch
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