Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
4.2013




Ansichten - Das Kind mit der Rassel


von: Jochen Hesse

  
Anonym · Porträt Hans Conrad Voegeli (1630-1693), 18. Jahrhundert, 31x24,5 cm, Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen, Zentralbibliothek Zürich, Inv. 384 Das Porträt von Hans Conrad Voegeli gehört zu einer Gruppe von acht Gemälden, die das Ehepaar Leonhard und Anna Voegeli mit seinen sechs Söhnen zeigen.


Bei Führungen durch die Graphische Sammlung und das Fotoarchiv der Zentralbibliothek Zürich öffne ich immer wieder mal gerne eine Schublade, von deren Inhalt niemand weiss. Was nicht verwunderlich ist, denn bei einer Million Objekten ist es schlicht unmöglich, dass alle Werke katalogisiert sind. Umso schöner die unverhofften Entdeckungen. Als ich vor fünf Jahren meine Stelle in der Bibliothek antrat, fand ich in der sogenannten Bilderkammer eine Kartonschachtel. Zwischen Luftfolien und Seidenpapier lagen acht Porträts. Neugierig packte ich die Schätze aus und wunderte mich über den guten Zustand der Porträts. Die ungerahmten Leinwände wurden wahrscheinlich im 19. Jahrhundert zu ihrem Schutz auf Holztafeln aufgezogen. Vorsichtig legte ich sie in einen Schrank im Kulturgüterschutzmagazin.
Dass der kleine Kerl auf dem Gemälde erst acht Monate alt ist, steht neben seinem Gesicht in Schwarz geschrieben: «MENS. 8». Er wirkt älter, so wie er posiert. Aber inzwischen ist ja bekannt, dass die Kindheit als Lebensabschnitt erst mit der Aufklärung an Bedeutung gewann. Entspricht die Mimik des Kindes dem Zwang zur Repräsentation? Wenn ich die Tafel bei Führungen jeweils in die Höhe halte, kann ich auf der Rückseite die kurze handschriftliche Notiz zum Lebenslauf lesen: Hans Conrad Voegeli entstammt einer Zürcher Bürgerfamilie. Als Vertreter der Gerberzunft gehörte er als Erster seiner Familie dem Grossen Rat der Stadt Zürich an. Als ich das Gemälde zum ersten Mal sah, vermutete ich in ihm ein Erinnerungsbild an ein früh verstorbenes Kind. Doch er erreichte mit seinen 63 Jahren ein für das 17. Jahrhundert ansprechendes Alter. Nicht so sein zweitjüngster Bruder Hans Felix. Auf der Rückseite seiner Holztafel, die ebenfalls in der gefundenen Schachtel lagerte, heisst es lapidar: «Ertrank Ao 1655 in der Sihl da Er badete.» Die vier Töchter des Ehepaars sind nicht im Bild festgehalten, da sie den Familiennamen nicht weitervererbten. Ebenso wenig der im Alter von zwei Jahren verstorbene Hans Conrad. Sein Name wurde einfach auf den neun Tage nach seinem Tod geborenen Bruder übertragen.
Als ich den Namen Voegeli zum ersten Mal las, erinnerte ich mich an bekanntere Vertreter der Familie, die sich seit dem 19. Jahrhundert Vögelin nennen. Anton Salomon war z.B. Professor an der Universität Zürich und Bibliothekar an der Stadtbibliothek Zürich, sein Sohn Friedrich Salomon gab 1883 als Nationalrat mit einem Postulat die Initialzündung zur Gründung des Schweizerischen Landesmuseums.
Jochen Hesse ist Leiter der Graphischen Sammlung und des Fotoarchivs der Zentralbibliothek Zürich, ­jochen.hesse@zb.uzh.ch



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2013
Institutionen Zentralbibliothek [Zürich/Schweiz]
Autor/in Jochen Hesse
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=1303201247393WX-5
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.