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Artists in Residence
4.2013


 Das Gästeatelier Krone befindet sich in der Aarauer Altstadt. Seit 1995 nimmt es in der ersten Jahreshälfte alternierend Kunstschaffende aus Palästina und Indien auf und es gehört mit seiner Dauer von sechs Monaten zu den längsten Residencies in der Schweiz. In der zweiten Jahreshälfte steht es für drei Monate Kunstschaffenden aus Burkina Faso zur Verfügung, die restlichen drei Monate werden flexibel vergeben. Die Künstler/innen werden von lokalen Partnerorganisationen vorgeschlagen. Dipyaman Kar konnte als Erster von der neuen Zusammenarbeit mit der Künstlervereinigung Khoj in Kalkutta profitieren.


Dipyaman Kar - Im Dialog mit der Stadt


  
Dipyaman Kar · Im Gästeatelier Krone, Aarau, 2013. Foto: Cat Tuong Nguyen


Der indische Künstler Dipyaman Kar (*1976) kennt Europa seit seinem Kunststudium in London, ist aber zum ersten Mal in der Schweiz. Neue Orte erschliesst er sich am liebsten zu Fuss. Seine Erkundungstouren beschreibt er als Dialog. Bei jedem Rundgang wird ihm das anfänglich Fremde vertrauter. In Aarau fiel ihm zuerst die Stras-senstruktur auf, die auf die ursprüngliche Stadtmauer verweist. Die Linienmuster der Pflastersteine faszinierten ihn und die farbige Bemalung und die Dekorationselemente der Altstadthäuser erinnerten ihn an Nepal - angesichts der mittelländischen Architektur eine überraschende Assoziation.
Der Besuch von Schweizer Städten - inzwischen hat er auch Bern und Zürich erkundet - erscheint Kar wie eine Reise in einer Zeitkapsel. Die jahrhundertealte Geschichte tritt ihm hier viel präsenter entgegen als in seiner Heimat. Die alten Siedlungen innerhalb der Stadtmauern assoziiert er mit «Gated Communities» und er meint, die Leute wären hier näher zusammen-gerückt - auch dies keine evidente Sicht­weise angesichts der dichtbesiedelten Grossstädte Indiens.
Gleichzeitig setzt sich Kar mit Städtebau, Verdichtung und der Knappheit der Landreserven auseinander, hochaktuelle Themen, gerade auch in Indien mit seiner rasant wachsenden Bevölkerung. Bereits in früheren Arbeiten hat er die Umwandlung alter Fabrikareale in den indischen Grossstädten aufgegriffen, die niedergesissen zuerst zu Niemandsland und dann zu abgeschlossenen Wohnarealen werden. Die Geschichte wird dabei ausgelöscht, ein historisch geprägter Ort in einen anonymen verwandelt. Kar beschäftigt sich mit der Stadt als Lebensfeld und interessiert sich dafür, wie städtebauliche Strukturen die Menschen psychisch wie physisch bestimmen und sich auf das Sozialgefüge auswirken. Beispielsweise die Verschiebung von Quartiereinheiten von der Horizontalen (Einfamilienhäuschen) zur Vertikalen (Wohnblock). In Auseinandersetzung mit Le Corbusiers Städtevisionen entwickelte er nun in den letzten Wochen ‹Helium City›, eine zwischen Erde und Himmel schwebende, von Ballonen getragene, autarke Stadt. Als demokratische, nicht-hierarchische Stadt ist dieses auch in sozialer Hinsicht ein utopisches Projekt, wie Chandigarh es war. Dort löste jedoch eine neue Elite die koloniale ab, wie der Künstler kritisch bemerkt.
Kar wird ‹Helium City› als einfaches Modell mit Luftballonen irgendwo in der Altstadt von Aarau präsentieren, beziehungsweise schweben lassen. Er geht mit seiner Kunst gerne in den öffentlichen Raum und nimmt ihn in Besitz, ohne ihn zu besetzen. Mit diesem ebenso aneignenden wie integrativen Akt nimmt er am städtischen Leben teil und markiert Präsenz. Dies gilt auch für das Projekt, mit dem er sich für den Atelieraufenthalt beworben hat. Er sucht ausgediente, weggeworfene und nicht mehr gebrachte Dinge, um daraus kleine Kunstwerke zu schaffen. Auf dem Fenstersims sammelt sich bereits eine Auswahl: ein iPhone, das arg mitgenommen aussieht, Knochenstückchen, eine Haarklammer, zerbeulte Bierdosen. Auch diese Arbeit bedeutet eine Erforschung seiner neuen Umgebung, sagt doch das, was eine Gesellschaft ausscheidet, ebenso viel über sie aus, wie das, was sie bewahren will. Die geschaffenen Objekte wird Kar im Juni in Aarau an einem ambulanten Verkaufsstand für einen minimalen Preis anbieten. Um zu zeigen, in welcher Preiskategorie er denkt, kramt er Rappenstücke aus dem Portemonnaie. Dieser «Kiosk» ist von den einfachen, aber funktionalen Ständen inspiriert, welche die indischen Städte bevölkern. Es ist ein demokratisches Konzept: Dank dem tiefen Preis soll Kunst für jedermann erschwinglich sein. Kar gibt auf diese Art zurück, was er bekommt und thematisiert mit spielerischer Leichtigkeit Austausch und Handel, Demokratie und Marktwirtschaft, den Kunstmarkt und die Zugänglichkeit von Kunst generell. Viele junge indische Künstler/innen pflegen eine solch partizipative Kunstpraxis mit alltäglichen allgemein verständlichen Handlungen und erreichen damit sehr direkt auch Menschen, die sich nicht speziell für Kunst interessieren.
Kar nutzt seinen Atelieraufenthalt auch, um Orte zu besuchen, die er aus der Literatur kennt, beispielsweise das Cabaret Voltaire. Die Schweizer Kunstszene nimmt er als «very vibrant» wahr. Um Kontakte zu knüpfen und Ausgedientes und Kaputtes für sein Projekt nicht nur zu finden, sondern auch zu bekommen, hat Kar gleich zu Beginn seines Aufenthalts in der GARAGE - eine Aarauer Bar mit Konzertlokal - sein Projekt präsentiert. Im Schneeballprinzip ergeben sich daraus nun weitere Kontakte. Dipyaman schätzt es aber auch, viel Zeit für sich zu haben - anders als zu Hause in Kaltkutta. Die Distanz zu den alltäglichen Verpflichtungen und Verwicklungen machte den Kopf frei. Dank der relativen Isoliertheit kann er sich wieder besser konzentrieren, und Neugier und Entdeckerlust wirken stimulierend. Der Aufenthalt im Gastatelier hat Kar bereits im ersten Monat neue Impulse gegeben, und er hofft, dass sich die gewonnene Ruhe und Inspiration zurück mit nach Hause nehmen lassen.

Bis: 14.06.2013


Präsentation der in der Schweiz realisierten Arbeiten, im Schlossforum Aarau, 14.-23.6.; Eröffnung 14.6.

Dieser Text erscheint mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, ­Schwerpunkt Übersetzungsförderung «Moving Words».

English Version



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Dipyaman Kar [14.06.13-23.06.13]
Institutionen Forum Schlossplatz [Aarau/Schweiz]
Autor/in Eveline Suter
Künstler/in Dipyaman Kar
Link http://www.artistsinresidence.ch
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