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Besprechung
4.2013


Heidi Brunnschweiler :  Das Museum für Gegenwartskunst zeigt die Sammlung von Julie Ault und versucht, die kollektive kuratorische Praxis von Group Material, dessen Mitglied sie war, zu reaktivieren. Dabei wird weniger die politische Haltung des Kreises um Ault vermittelt, als vielmehr eine schwer zugängliche Selbstbezüglichkeit inszeniert.


Basel : Julie Ault, ‹Tell It To My Heart›


  
Tell It To My Heart · Collected by Julie Ault, Installationsansicht, 2013. Foto: Heinz Peter Knes


Julie Ault hat den intensiven Dialog und die künstlerische Zusammenarbeit auch nach der Auflösung von Group Material gepflegt und im Laufe der Jahre eine ansehnliche Sammlung mit Werken ihrer Freund/innen wie Nancy Spero, Andres Serrano, Felix Gonzales-Torres oder Danh Vo zusammengetragen. Andere Arbeiten hat sie erworben wie bspw. die Drucke von Sister Corita, einer engagierten Nonne.
Das Kuratorenteam des MGK ist angetreten, diese private Sammlung für neue Konstellationen unter den Werken und die Begegnung mit dem Publikum zu öffnen. Ganz im Stil von Group Material sind zahlreiche Wände bis zur Decke mit Bildern behängt. Allerdings gibt es weder Hintergrundinformationen noch Bildlegenden, um die Werke in ihrem historischen Kontext zu verorten und die neuen Konstellationen inhaltlich zu erschliessen. Man setzt ganz auf ästhetische Erfahrung oder auf Insiderwissen. Eine Mischung aus Kabinetthängung und verhalten aktivistischer Geste durchzieht alle Räume und wirkt mangels Kontextualisierung oft verharmlosend. So werden etwa die bemalten Backsteine ‹Untitled, Bricks›, 1982-83, von Tim Rollins' ‹Kids of Survival› aus der Bronx zu hochgestellten Kuben, die das Gleichgewicht der Rechtecks-Konstellationen an dieser Wand ausbalancieren. Nancy Speros vielschichtige Arbeit von 1969 aus dem Artaud Zyklus hängt neben einem Bild-Objekt von Sadie Benning mit Pinkbalken in hellblauem Rechteck, was den Dialog leicht auf die Entdeckung formaler Parallelen beschränkt.
Sind die Zusammenhänge bekannt, so kommt es durchaus zu intensiven, auch inhaltlichen Begegnungen. Michael Jenkins' rotes Streifenbild ‹June 30›, 1986 (1988), das die gesetzliche Diskriminierung der Homosexuellen während der Aids-Krise kommentiert, hängt neben Sister Coritas' gelb-schwarzem Druck ‹Let the sun shine in›, 1968, mit Papst in Ornat und Willkommensgestus. Bereits die Nachbarschaft der Nonne und des Gays wirkt stark - auch in der Verklammerung von Politik und Religion. Die Ausstellung ‹Tell It To My Heart›, egal wie feinsinnig sie ausgedacht wurde, droht ohne Kontext in eine formalästhetische Sehübung abzugleiten. Dies ist umso bedauerlicher, als Group Material angetreten war, Werke mit kritischem Dialog zu begleiten, um den ideologischen Gehalt von stummen Präsentationen aufzudecken und einem weiteren Publikum zugänglich zu machen.

Bis: 12.05.2013


mit erweitertem Filmprogramm



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Ausgabe 4  2013
Ausstellungen Tell it to my Heart: Collected by Julie Ault [02.02.13-12.05.13]
Institutionen Kunstmuseum Basel/Gegenwart [Basel/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
Künstler/in Julie Ault
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